KampaLA Strada
Ein Bericht von Sophia Laggner
Am 11.9.2011 sind Sophia Laggner, Christina Scheutz und Judith Benedikt auf Einladung des Bayimba Festival of the Artsgemeinsam mit Franz Schmidjell vom VIDC nach Kampala, Uganda aufgebrochen, um dort für eine Woche mit der Uganda Street Theatre Group in Austausch zu treten und ihr Stück „The Zeremony“ aufzuführen, das von einer Agentur handelt, die sich auf die Verabschiedung von alleinreisenden Menschen spezialisiert und gerne Abschiedsbräuche anderer Länder sammelt und archiviert. Gemeinsam mit der Uganda Street Theatre Group stand damit erstmals auch Strassentheater am Programm vom Bayimba-Festival, das ansonsten vorwiegend Musik, aber auch Theater und Tanz bietet.
Aus Österreich kommend, die österreichischen Strassen, den österreichischen Umgang mit und im öffentlichen Raum gewohnt, kann man auf den ersten Blick kaum glauben, dass Strassentheater in Kampala bei all dem Treiben, den Autos, Minibussen, Motorradtaxis und den omnipräsenten Marabus, überhaupt auffallen und ein Publikum finden kann. Natürlich, die Menschen wären da und sie scheinen es auch nicht eilig zu haben, lassen sich Zeit, interagieren miteinander. Parkscheine werden nicht beim Automaten gelöst, sondern von Frauen verkauft, die mit Warnwesten am Strassenrand sitzen; Linienbusse gibt es keine, dafür ein großes Angebot an Minibussen, die erst losfahren, wenn alle Plätze besetzt sind. Wenn es schneller gehen soll, fährt man mit dem Motorradtaxi, dem sogenannten Boda-Boda, zu zweit, zu dritt oder zu viert- eine hat immer noch Platz. Auch die Polizisten scheinen es nicht eilig zu haben, zumindest nicht dort, wo sie ihre Ausrüstung auf die Bäume hängen und im Gras dösen- „der Park, in dem die Polizisten schlafen“. Natürlich werden auch in Kampala Bananen auf der Straße verkauft und während man sich mit der Schale in der Hand suchend umblickt, wird sie einem von einer Passantin kommentarlos abgenommen. All diese Bilder, Situationen und Szenen sind unglaublich inspirierend, aber bei dem Gedanken, hier Strassentheater machen zu müssen, beschleicht eine als Österreicherin die leise Vorahnung, dass man hier keine Chance haben wird. Hier wird man vom ugandischen Alltag gnadenlos an die Wand gespielt werden.
Obwohl es in Kampala unzählige Theater- und Musikgruppen gibt und man allabendlich aus einer Fülle an Kulturveranstaltungen auswählen kann, ist Strassentheater eine neue Form in Uganda. Vor etwa einem Jahr wurden zehn KünstlerInnen unterschiedlicher Sparten, wie Tanz, Schauspiel, Musik und Design, ausgewählt, und von holländischen KünstlerInnen in einem fünfwöchigen Workshop in Strassentheater unterrichtet. In dieser Zeit erarbeiteten sie ihre erste Show. RehemaNanfuka, Maureen Duudu Hazel, OkuyoPrynceAtiku, Otim Jackson, Richard Kasozi, BisaasoSsempeke, Stephen Mawejje, Otako William, Derrick Komakech und Tereka Kenneth Desirebilden seither die Uganda Street Theatre Group. Strassentheater beschreiben sie als „ ...eine Möglichkeit mit Menschen in einen unmittelbaren Austausch zu treten, Menschen, denen man im Theater wahrscheinlich nicht begegnet.” Auch die Reaktionen seien unmittelbarer als auf der Bühne, es gäbe ein großes Interesse, eine große Neugierde an dem, was da passiert.
Die Neugier der Boda-Boda Fahrer
Während wir uns also noch überlegen, ob wir uns in die Menge stürzen sollen oder doch in einen der vielen Kanalschächte, die auf den Gehsteigen ohne Deckel, sozusagen barrierefrei, zum Sprung in den Untergang locken, nehmen uns die SpielerInnen die Uganda Street Theatre Group mit auf einen Streifzug durch die belebten Straßen rund um das National Theatre. Sie sind einheitlich gekleidet, und ihre Gesichter mit gelber Farbe bemalt. Sie tragen T-Shirts vom Bayimba-Festival mit dem Aufdruck „This is our contribution to society“ und sollen mit ihrer Aktion auf das Festival aufmerksam machen. Wortlos bewegen sie sich durch die Strassen, legen sich nebeneinander auf den Gehsteig, verstecken sich hinter Bussen, versammeln sich auf einer Verkehrsinsel und singen dort gemeinsam ein holländisches Lied. Dann ziehen sie weiter. Die kleinen Situationen und Bilder, die sie herstellen, erzeugen großes Aufsehen. Boda-Boda-Fahrer bleiben stehen, in den vorbeifahrenden Minibussen wollen die Passagiere wissen, was hier passiert und in den Augen der Schulkinder lässt sich lesen, wie Neugierde und Angst sich nicht ganz einig werden. Zwei Stunden dauert ihre Tour, und obwohl die polizeiliche Genehmigung schon nach einer Stunde abgelaufen ist, machen sie weiter. „Its so much fun, you are just getting carried away“, meint Jackson, der hinterhergeht und Flyer für das Festival verteilt.
Strassentheater ist neu in Uganda. Natürlich gibt es, vorallem im ländlichen Bereich, Theatergruppen, die, in Ermangelung eines Theatersaals, ihre Bühne auf einem Platz im Freien aufbauen und dort ihre Stücke spielen, aber die Uganda Street Theatre Group ist die erste Gruppe, die den öffentlichen Raum als Bühne nutzt und bespielt und während sie beim Publikum auf große Neugierde stoßt, haben die Pioniere auch mit einem gewissen Unverständnis zu kämpfen. So antwortet eine Koordinatorin des Bayimba-Festivals auf die Frage, was man sich unter Strassentheater vorstellen kann, das sei eine Gruppe von Verrückten, die auf der Strasse seltsame Dinge machen. Und verschafft ihnen das Festival zwar für ihre Werbestreifzüge durch die Stadt eine polizeiliche Genehmigung, so können sie ihre eigene Show nicht auf der Strasse spielen, sondern müssen sich mit dem Platz vor der Hauptbühne im abgesperrten Festivalareal arrangieren. Trotzdem ist Bayimba sehr bemüht, die Gruppe zu fördern und Strassentheater in Uganda zu etablieren.
Kunst ohne Förderung
Immer wieder kommen wir in Gesprächen mit der Uganda Street Theatre Group auf die Frage der Finanzierung von Strassentheater. Die Unterschiede in der Kulturpolitik sind evident und ein Vergleich mit österreichischen Bedingungen müßig. Natürlich erhält Kunst in Uganda von öffentlicher Hand kaum Unterstützung. Die meisten KünstlerInnen sind auf Eintrittsgelder oder den Verkauf ihrer Werke angewiesen. Im Fall von Strassentheater ist das natürlich schwer zu bewerkstelligen. Vor allem bei dem egalitären Strassentheaterbegriff, den auch die Uganda Street Theatre Group prägt; unangekündigt im öffentlichen Raum aufzutauchen, aus dem Alltäglichen etwas Ungewöhnliches entstehen zu lassen, genauso plötzlich und unangekündigt wieder zu verschwinden und die Menschen mit der Frage zurückzulassen, warum sie hier gerade aus ihrer Gewohnheit herausgerissen wurden und Unerwartetes im Wohlbekannten entdecken konnten. Gerade hier würden eine Verbeugung, Applaus und ein herumgereichter Hut das Konzept der freundlichen Invasion und Aufforderung zur freien Nutzung des öffentlichen Raums auf Kosten der PassantInnen verkommerzialisieren. Strassentheater, als Kunstform, die sich nicht nur elitären Kreisen öffnet, sondern den Menschen, die die öffentliche Masse bilden, von denen wiederum der Großteil noch nie ein Theater besucht hat, ist einfach auf finanzielle Förderung angewiesen. Erst wird sich die Uganda Street Theatre Group deshalb bemühen müssen, ein Verständnis für Strassentheater in Uganda zu schaffen, wobei ein internationaler Austausch und Auftritte im Ausland sicher ein hilfreicher Faktor sein werden, um bei der Bevölkerung Anerkennung für diese neue Form zu gewinnen.
Die Agentur für den Abschied
In einem internationalen Austausch ist auch das Stück „The Zeremony“ bei La Strada 2009 in Graz entstanden, mit SchauspielerInnen aus Frankreich, Spanien und Österreich. Und wer hätte damals erwartet, dass dieses Stück auch einmal in Kampala gespielt werden soll. Ursprünglich für den Bahnhof konzipiert, wo alleinreisenden Menschen Abschiedszeremonien angeboten wurden, müssen wir das Stück an die Gegebenheiten in Kampala anpassen, da der Zugverkehr hauptsächlich dem Gütertransport dient. Einer der beiden großen Taxiparks hätte sich angeboten, aber leider sind die Sicherheitsvorkehrungen seit den Bombenanschlägen vergangenen Jahres sehr strikt und das Festival kann keine Genehmigung bekommen. Damit bleibt auch uns nur das Festivalgelände um das National Theatre. Ungeachtet dessen,dass zeitgleich mit uns auf den beiden großen Bühnen Konzerte stattfinden und man uns deshalb kaum verstehen kann, bildet sich schnell eine Gruppe verdutzter ZuseherInnen um uns. Im Grunde genommen sind wir Akteurinnen und das Publikum voneinander gleichermaßen irritiert,verunsichert und überrascht und die direkten Reaktionen aufeinander sind sehr erfrischend. Wir verteilen Taschentücher - wichtigstes Werkzeug jeder professionellen Verabschiederin- und werden immer wieder gefragt, wozu, weshalb, warum diese Taschentücher benötigt werden. Gleichzeitig fragen wir uns, wohin die Taschentücher verschwinden und wir ständig weitere verteilen müssen. Und die professionelle Abschiedsphotographin, mit einer Brillen-Nasenmaske verkleidet, findet auf die Frage „Excuse me, but what's the problem with you nose?“ keine Antwort. In Ermangelung eines Bahnhofs und Abreisender steht die Uganda Street Theatre Group mit einer Lösung parat. Rehema lässt sich hochoffiziell verabschieden und der Rest der Gruppe formiert sich zu einem Flugzeug der „Factory Airlines“ um sie abzuholen und nach Holland zu fliegen. Und zu dem kaum hörbaren „Wenn du durchgehst durch Tal...“ lässt die Agentur schlussendlich gemeinsam mit den ZuseherInnen die weißen Taschentücher im Wind wehen. Auf Wiedersehen. Farewell. Weraba.
Uganda entdeckt Straßenkunst
Österreichische Beteiligung am Bayimba Festival 2011 in Kampala
Die vierte Auflage des Bayimba-Festivals ging vom 16.-18. September in Kampala über die Bühne. Die Schauspielerinnen Sophia Laggner, Christina Scheutz und die Fotografin Judith Benedikt reisten mit ihrer “street performance” in das ostafrikanische Land.
Gut 40.000 Menschen besuchten das dreitägige Festival bei freiem Eintritt. Die Hauptbühne bot einen guten Einblick in das ugandische und ostafrikanische Musikschaffen. Die aufstrebende lokale Rapszene präsentierte sich auf der Hip-Hop Bühne. Im Auditorium des Nationaltheaters zeigten Theatergruppen und Tanz-Compagnien aktuelle Stücke. Ausstellungen und Filme konnten tagsüber im Nationaltheater betrachtet werden. Bereits im Vorfeld organisierte das Bayimba-Team Workshops zu Film, Fotografie und Kulturjournalismus. Ungewohnt für den europäischen Besucher: Das absichtliche Fehlen eines Programmes. Dazu befragt meint Festivalleiter Faisal Kiwewa: “ Wir wollen, dass die Leute zum Festival und nicht nur zu einer bestimmten Gruppe kommen. Sie sollen auch die anderen Angebote wahrnehmen. Bei uns steht der künstlerische Aspekt im Vordergrund, wir sind kein Headliner Festival.”
Enorme Aufmerksamkeit
Die Performance der österreichischen KünstlerInnen sollte ursprünglich am legendären “Matatu-Stand”, dem chaotischen Parkplatz mit seinen hunderten Kleinbus-Taxis, stattfinden. Doch seit den blutigen Anschlägen in Kampala vom Juli 2010 erlaubt die Polizei kaum mehr Aktionen im öffentlichen Raum. So wurde direkt vor dem Nationaltheater gespielt. Die Tage zuvor waren die ÖsterreichInnen dennoch auf den Straßen unterwegs. Gemeinsam mit der Uganda Street Theatre Group überraschten die Schauspieler die PassantInnen mit Aktionen und verteilten anschließende Festivalflyer. Sophia Laggner: „Wir waren überrascht, welche enorme Aufmerksamkeit Theateraktionen in den belebten Straßen und überfüllten Märkten finden. Die Grenzen zwischen Publikum und SchauspielerInnen verschwinden schnell. Es herrscht eine starke körperliche Nähe.”
Das bestätigte sich auch im Rahmen des Bayimba-Festivals. Ein dichter Kreis von Menschen umgab die drei KünstlerInnen. Zum Abschluss kamen ihre ugandischen KollegInnen mit einem “Flugzeug” angeflogen. Der zu verabschiedende Gast durfte darin Platz nehmen und fuhr zur Erheiterung der mit weißen Taschentüchern winkenden PassantInnen ab. Christina Scheutz meinte zu den in Uganda gemachten Erfahrung: ”Dinge, denen in Europa wenig Beachtung geschenkt wird, fanden hier großen Anklang. Hingegen gehen andere Pointen einfach unter. Gemeinsam ist der Humor. Lachen ist eben international.“
Neuland Straßenkunst
Die Künstlerinnen fanden den mehrtägigen Austausch mit der Uganda Street Theatre Group, die vor einem Jahr gegründet wurde, sehr inspirierend. Mpata William Otako, Schauspieler und Mitglied der Gruppe: “Straßentheater ist vollkommen neu in Uganda. Die Menschen kennen es nicht. Doch es funktioniert großartig. Die Leute sind neugierig. Manche schrecken sich vor uns, und viele fragen ‚Was ist das, was ihr macht’.“
Kampala verfügt über zahlreiche Theaterensembles. Doch gibt es kaum Auftrittsorte und Publikum. Öffentliche Förderungen erhält praktisch niemand. Private Theater überleben meist nur einige Jahre. Straßentheater öffnet ein zusätzliches Tor für Schauspielerinnen und Schauspieler, um wahrgenommen zu werden. Otako: “Beim Straßentheater kann ich meine Ausdruckskraft gut zur Geltung bringen. Das macht mir grossen Spass. Aber wir brauchen mehr internationalen Austausch und wollen unsere Kunst auf der ganzen Welt zeigen.“ Alle Beteiligten wünschen sich eine Fortsetzung der geglückten Zusammenarbeit und wälzen bereits Ideen und Pläne für nächsts Jahr.
Organisiert wurde der Austausch vom VIDC Wiener Institut mit Unterstützung der Österreichischen Botschaft in Nairobi und dem BMeiA.
Rückfragen: Franz Schmidjell (schmidjell(at)vidc.org)
T: +43 (0)1 713 35 94




