Zeit und Ort

Freitag, 10. Oktober 2014
Konferenz: 9:30 - 18:30 Uhr
VIDC Podiumsdiskussion: 13:00 bis 15:00 Uhr
VIDC Workshop: 15:30 bis 17:30 Uhr
Diplomatische Akademie, Wiener Festsaal, Favoritenstrasse 15a, 1040 Wien

Programm

Die VIDC Podiumsdiskussion findet im Rahmen der Konferenz „Gemeinsam gegen Menschenhandel“ der österreichischen Task Force Menschenhandel anlässlich des Tages der Europäischen Union zur Bekämpfung des Menschenhandels  (18.  Oktober) statt.

Einleitung: Nadja Schuster, Gender Referentin, VIDC

Keynote: Julia O’Connell Davidson, Universität Nottingham

Alina Braşoveanu, Council of Europe Group of Experts on Action against Trafficking in Human Beings

Sietske Altink, Sekswererfgoed, Amsterdam

Helga Amesberger, Institut für Konfliktforschung, Wien

Moderation: Birgit Sauer, Universität Wien

Die Podiumsdiskussion findet auf Englisch mit deutscher Simultanübersetzung statt.

Workshop Konzept

Anmeldung bitte bis 5.10., mit Angabe des Workshops.
BMEIA, Margarete Lengger oder IOM Wien, Katie Klaffenböck
Getrennte Anmeldung für MedienvertreterInnen

At the crossroads - Untersuchung der Wechselwirkung zwischen Prostitutions- und Anti-Menschenhandelspolitik und Praxis. Ein Ländervergleich

© istock
© istock


Hintergrund

Prostitutionspolitik ‚interagiert‘ in ihrer Komplexität mit verschiedenen Politikfeldern wie Migration, Gesundheit, Gender, Sicherheit und Menschenhandel. Dies erschwert die Definition von genauen und unverkennbaren Zielen der Politikstrategien. Weder Prostitutions- noch Anti-Menschenhandelspolitiken dürfen für die Eindämmmung von Migration instrumentalisiert werden. Jeder Versuch Sexarbeit unsichtbar zu machen, indem Sexarbeiter_innen und/oder Klient_innen kriminalisiert oder transferiert werden in  unsichere Nicht-Wohngebiete, fördert deren Vulnerabilität hinsichtlich Ausbeutung, Schwarzmarkt und Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Aufgrund dessen sollten Prostitutionspolitiken die Rechte der am meisten gefährdeten Gruppe in der Sexindustrie, der  Sexarbeiter_innen, schützen und Organisationen von Sexarbeiter_innen aktiv in die Formulierung und Implementierung der Politikstrategien mit einbeziehen.
Im Rahmen dieser Podiumsdiskussion diskutieren internationale Expert_innen und Vertreter_innen von Sexarbeiter_innen-Organisationen – am Beispiel der Niederlande und Österreichs – darüber, welche negativen und unbeabsichtigten Auswirkungen verschiedene Prostitutionspolitiken auf die Bekämpfung des Menschenhandels haben. Um evidenzbasierte Politikgestaltung und -implementierung zu fördern, wird mit dieser Diskussionsveranstaltung das Ziel verfolgt, von der Praxis oder der empirischen Forschung zu lernen und moralisch aufgeladene Annahmen und Vorurteile, die die Prozesse der Prostitutions- und Anti-Menschenhandelspolitiken stark beeinflussen, entgegenzuwirken.
Welche politischen und legislativen Maßnahmen im Bereich der Prostitution wirken sich positiv auf die Rechte der SexarbeiterInnen, unter Berücksichtigung der beabsichtigten und unbeabsichtigten Auswirkungen auf die Bekämpfung des Menschenhandels, aus?
Welche Art des Arbeitsumfeldes und des Anstellungsverhältnisses ist notwendig, um die Stigmatisierung und Diskriminierung der Sexarbeiter_innen, die durch die Arbeits-, Migrations- und (soziale) Sicherheitspolitiken verankert sind, zu beenden?
Wie sollte eine kohärente, menschenrechtsbasierte Politikstrategie zur Bekämpfung des Menschenhandels, die die Rechte von Sexarbeiter_innen anerkennt, aussehen?
Was kann Österreich von den Prostitutions- und Anti-Menschenhandelspolitiken in den Niederlanden, Großbritannien und Neuseeland lernen?

Podium

Keynote: Julia O'Connell Davidson

Julia O'Connell Davidson ist seit September 2001 Professorin für Soziologie an der Universität Nottingham. In den 90er Jahren begann sie Prostitution als nicht-standardisierte Arbeit zu beforschen und widmete sich der Frage was genau in einem Prostitutionsvertrag getauscht wird und welche unterschiedlichen Prostitutionsformen, auf globaler und nationaler Ebene, es in Hinsicht auf ihre sozialen Organisation und Machtverhältnisse gibt. 2001 wurden Bridget Anderson (COMPAS, University of Oxford) und Julia O'Connell Davidson vom schwedischen Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten damit beauftragt ein multinationales Pilotforschungsprojekt über die Nachfrageseite des Menschenhandels durchzuführen. Dabei haben sie sich auf zwei Sektoren konzentriert: Sexarbeit und Arbeit im häuslichen Bereich. Anschließend haben sie diese Forschung, die die Märkte der migrierenden Sexarbeiter_innen und im Haushalt Tätigen in Großbritannien und Spanien untersucht, durch ein ESRC-finanziertes Projekt weiter entwickelt. Die Forschungsergebnisse sind in viele Publikationen eingeflossen, die die Definitionsprobleme hinsichtlich des Begriffes „trafficking“ untersuchen und den dominierenden Diskurs über „Menschenhandel als moderne Form der Sklaverei“ sowie das Konzept „Menschenhandel als transnationales Verbrechen“ der Frage nach Migrant_innenrechte gegenüber stellen. Zurzeit arbeitet Frau O’Connell Davidson im Rahmen des Leverhulme Major Fellowship-Programms für das Projekt “Modern Slavery and the Margins of Freedom: Debtors, Detainees and Children”.
Ausgewählte Publikationen
O'Connell Davidson, J. (2012) “Absolving the State: the Trafficking-Slavery Metaphor” Global Dialogue, Vol.14(2).
O’Connell Davidson, J. (2008) Trafficking, modern slavery and the human security agenda, Human Security Journal, Vol. 6.
O’Connell Davidson, J. (2006) Men, middlemen and migrants: the demand side of sex trafficking, Eurozine, 2006.
O’Connell Davidson, J. (2006) “Will the real sex slave please stand up?” Feminist review, 83: 4-22.
O’Connell Davidson, J.; Anderson, B. (2003) Is Trafficking in Human Beings Demand Driven? A Multi-Country Pilot Study. IOM Migration Research Series, No. 15. Geneva.
O’Connell Davidson, J. (2002) “The Rights and Wrongs of Prostitution.” Hypatia Vol. 17(2): 84-98.
O’Connell Davidson, J. (1998) Prostitution, Power and Freedom. The University of Michigan Press.

Alina Braşoveanu

Alina Braşoveanu hat einen Jura-Abschluss der staatlichen Universität von Moldau und ein Magister Juris in öffentlichem internationalen Recht und Menschenrechte der Universität Oxford. Während ihrer Arbeit bei den VN und der OSZE in den Bereichen der Menschenrechte und der Bekämpfung des Menschenhandels hat sie mehr als 15 Jahre Erfahrung gesammelt. Von 2003 bis 2011 war sie Beauftragte zur Bekämpfung des Menschenhandels im OSZE-Büro für Demokratische Institutionen und Menschenrechte (ODIHR) in Warschau. In dieser Position hat sie Maßnahmen zur Bekämpfung des Menschenhandels entwickelt und damit zusammenhängende  Projekte in vielen Ländern, wie beispielsweise in Aserbeidschan, Georgien, Ukraine, Republik Moldau, Weißrussland, Russische Föderation, Bosnien und Herzegowina, Polen, Irland, Großbritannien, Frankreich, Kasachstan, Usbekistan, Kirgistan und Turkmenistan, implementiert. Ferner hat Frau Braşoveanu die existierenden Maßnahmen zur Bekämpfung des Menschenhandels und die nationalen Leitsysteme der obgenannten Länder evaluiert. Im März 2013 wurde sie zur First Vice-President of the Council of Europe Group of Experts on Action against Trafficking in Human Beings (GRETA) gewählt. GRETA überwacht die Implementierung der Konvention des Europarates zur Bekämpfung des Menschenhandels. Zusätzlich arbeitet sie als freie Mitarbeiterin und analysiert die Maßnahmen zur Bekämpfung des Menschenhandels für die OSZE und UNODC/UNFPA in der Republik Moldau, Kasachstan und Usbekistan.

Sietske Altink

Sietske Altink hat Philosophie und Literaturtheorie studiert und einen Journalismuskurs absolviert. Seit vielen Jahren arbeitet Frau Altink für die Sexarbeiter_innen-Organisation Sekswerkerfgoed, z.Z. als Webmaster und Redakteurin. In den letzten Jahren hat sie als Forscherin an der Universität Leiden gearbeitet. Sie hat den Prozess der Anerkennung von „The Red Thread“ (De Rode Draad), eine Sex-Arbeiter_innen-Vereinigung in Amsterdam, unterstützt und als Sozialarbeiterin bei der ehemaligen Foundation against Traffic in Women gearbeitet. Diese Organisation setzt sich für die Durchsetzung der Rechte von Sexarbeiter_innen ein und erkennt das Problem des Menschenhandels an. Seit mehr als zwanzig Jahren führt Frau Altink Studien und Forschungen zu Sexarbeit und Menschenhandel durch. Sie hat viele Bücher und Artikel publiziert, davon die meisten auf Niederländisch. Zusammen mit Helga Amesberger und Hendrik Wagenaar hat sie eine Vergleichsstudie über Prostitutionspolitikstrategien in den Niederlanden und Österreich durch geführt.
Ausgewählte Publikationen
Wagenaar, H., Altink, S., Amesberger, H. (2013) Final Report of the International Comparative Study of Prostitution Policy: Austria and the Netherlands. Platform31, The Hague.

Altink, Sietske (2013) Wallenbeleid Asscher komt uit de oude doos, over comfortfeministen versus comfortpolitici.
Wagenaar, H., Altink, S., (2012) Prostitution as Morality Politics, Why It Is Exceedingly Difficult to Design and Sustain Effective Prostitution Policy, in: Sexuality Research and Social Policy (2012), Springer Verlag.

Wagenaar, H., Altink, S. (2009) To toe the line: Streetwalking in contended space, in: Safer Sex in the City (2009) Canter, D., Ionnou, M., Youngs, D. (eds.), Liverpool.
Altink, Sietske (1995) Stolen Lives: Trading Women Into Sex and Slavery.
Scarlet Press, London, New York.

Helga Amesberger

Helga Amesberger hat einen akademischen Titel in Ethnologie und Soziologie (Mag.a phil) und ein Doktorat in Politikwissenschaften von der Universität Wien. Sie ist Lektorin an diversen Universitäten in Österreich und seit 1993 arbeitet sie als Forscherin am Institut für Konfliktforschung in Wien. Ihre thematischen Forschungsschwerpunkte sind: Rassismus, Nationalsozialismus und Holocaust, Oral History und Erinnerungspolitik, Gewalt gegen Frauen, Prostitutionspolitik. Frau Amesberger ist Mitbegründerin der ARGE Wiener Ethnologinnen. Im Jahr 2004 wurde sie zur Delegierten des Internationalen Komitees Ravensbrück gewählt und seit 2004 ist sie Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Projektes „MenschenLeben“. Im Jahr 2011 wurde sie mit dem Käthe Leichter-Preis für die Dokumentierung der Geschichte der Schicksale der Frauen und weiblichen Gefangenen in Konzentrationslagern ausgezeichnet. In den letzten Jahren hat sie zu Prostitution in Österreich geforscht. Zusammen mit den Forscher_innen Sietske Altink und Hendrik Wagenaar hat sie eine Vergleichsstudie über Prostitutionspolitiken und deren Implementierung in den Niederlanden und Österreich durch geführt. Sie ist Mitglied der österreichischen Arbeitsgruppe “Arbeitsgruppe Länderkompetenzen Prostitution”, welche von der Abteilung Frauen und Gleichberechtigung des Ministeriums für Bildung und Frauen geleitet wird. Frau Amesberger ist außerdem die österreichische Delegierte der European Cooperation in Science and Technology (COST) Action “Comparing European Prostitution Policies: Understanding Scales and Cultures of Governance”.
Ausgewählte Publikationen
Amesberger, H. (forthcoming 2014) Sexarbeit in Österreich. Ein Politikfeld zwischen Pragmatismus, Moralisierung und Resistenz, Wien.
Amesberger, H. (2014) Die politische Lösung gibt es nicht. Prostitutionspolitiken im Vergleich, in: AEP Informationen, 41. Jg., Nr. 1, S. 4-7. Wien. Siehe auch Online-Artikel dazu in „Menschenhandel heute“, 3. Juni 2014.
Wagenaar, H., Altink, S., Amesberger, H., (2013) Final Report of the International Comparative Study of Prostitution Policy: Austria and the Netherlands.
Platform31, The Hague.
Amesberger, H. (2012) Prostitutionspolitik in Österreich im internationalen Vergleich, in: Elisabeth Greif (2012) SexWork(s): verbieten - erlauben - schützen? Linzer Schriften zur Frauenforschung. Ursula Flossmann (Hg.). Trauner Verlag, Linz.
Amesberger, H.; Halbmayr, B. (2007) Das Privileg der Unsichtbarkeit. Rassismus unter dem Blickwinkel von Weißsein und Dominanzkultur. Wilhelm Braumüller Verlag, Münster.
Amesberger, H.; Auer, K.; Halbmayr, B. (2004) Sexualisierte Gewalt. Weibliche Erfahrungen in NS-Konzentrationslagern. Mandelbaum Verlag, Wien.
Amesberger, H.; Halbmayr, B. (Hg.) (2002) Rechtsextreme Parteien - eine mögliche Heimat für Frauen? Leske und Budrich, Opladen.

Birgit Sauer

Birgit Sauer hat Politikwissenschaft und Germanistik in Tübingen und Berlin studiert. 1993/94 war sie Gastprofessorin an der Kon-Kuk-Universität in Seoul/Korea, 1994 Gastprofessorin an der Universität Klagenfurt, 1995/96 Assistenzprofessorin am Institut für Soziologie an der Universität Freibug, von 1996 bis 2001 Assistenzprofessorin am Institut für Politikwissenschaften an der Universität Wien, 2001/02 Gastprofessorin an der Universität Mainz und 2003/04 Gastprofessorin an der Florida Atlantic Universität, USA. Seit 2006 ist sie ordentliche Professorin an der Universität Wien. Ihre Forschungsinteressen sind: Governance und Gender, Politik und Genderverhältnisse, Staatstheorie und Institutionentheorie.
Ausgewählte Publikationen
Sauer, B. (2013) Comment on the Final Report of the International Comparative Study of Prostitution Policy: Austria and the Netherlands, 10th June 2013, Platform 31, The Hague.

Sauer, B., Rosenberger, S., (2011) Politics, Religion and Gender. Framing and regulating the veil. Routledge, London/New York.
Sauer, B., Ludwig, G., Wöhl, S. (2009) Staat und Geschlecht. Grundlagen und aktuelle Herausforderungen feministischer Staatstheorie. Nomos, Baden-Baden.
Sauer, B. (2008) Gewalt, Geschlecht, Kultur. Fallstricke aktueller Debatten um „traditionsbedingte“ Gewalt, in: Sauer, B.; Strasser, S. (Hg.) (2008) Zwangsfreiheiten. Multikulturalität und Feminismus. Promedia, Wien.
Sauer, B. (2008) An der Front des westlichen Patriacharts. Sexarbeit, Frauenhandel und politische Regulierungen in Wien, in: Nautz, J., Sauer, B. (Hg.) (2008) Frauenhandel. Diskurse und Praktiken. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.

Kooperationen