Wir protestieren gegen die Verhaftungen und Entlassungen unserer Freund_innen und Kolleg_innen in der Türkei

VIDC, Wien, 9. Februar 2017 - Zahlreiche unserer Kolleg_innen wurden inzwischen verhaftet oder aus dem Staatsdienst entlassen, darunter die  kurdische Frauenrechtlerin und ehemalige Abgeordnete der HDP Sebahat Tuncel und der Istanbuler Politologe Yüksel Taşkın. Weder konnte ihnen eine Beteiligung am Putsch noch eine Nähe zur Gülen - Bewegung nachgewiesen werden. Ihr einziger Fehler war DENKEN.
Wir protestieren gegen das feige Vorgehen der türkischen Regierung und ihrer Behörden!

Akademiker_innen für den Frieden

Bereits im Jänner 2016 haben über 2000 kritische WissenschaftlerInnen in der Türkei Einspruch gegen den Krieg in den kurdischen Städten erhoben. Seitdem werden auch sie bedroht, von ihren Positionen in den Universitäten entfernt und zum Teil auch verhaftet. Zuletzt wurden am 7. Februar 2017 330 Akademiker_innen entlassen, darunter auch der Istanbuler Politologe Yüksel Taşkın, der 2011 und 2016 auf Einladung des VIDC zu Gast in Wien war:
330 Academics From 48 Universities Discharged From Public Service

Aufruf der Akademiker_innen: Wir, die Akademiker/innen und Wissenschaftler/innen dieses Landes werden nicht Teil dieses Verbrechens sein!

Für das Recht, im Krieg den Frieden zu fordern. WissenschaftlerInnen aus aller Welt verteidigen ihre Kolleginnen und Kollegen in der Türkei. (Medico International, 28.1.2016)

Solidarität mit inhaftierten Frauen

Sebahat Tuncel war im Oktober 2015 auf Einladung des VIDC zu Gast in Wien und referierte über die kurdische Frauenbewegung in der Türkei. Neben Tuncel wurden auch weitere Frauenaktivistinnen verhaftet. Unter anderem die Co-Bürgermeisterin von Diyarbakir, Gültan Kişanak, und Ayla Akat Ata, eine der führenden Köpfe der kurdischen Frauenbewegung in der Türkei.

Interview mit Gültan Kişanak

Interview mit Ayla Akat Ata

Neue Medienplattformen und aktuelle Artikel

Artikelserie von Can Dündar, ehemaliger Chefredakteur von Cumhuriyet zur Situation in der Türkei (Zeit Online).
Im Exil hat Dündar eine neue journalistische Plattform auf Türkisch und Deutsch gegründet: Özgürüz

Auch die Berliner Tageszeitung hat Anfang 2017 ein zweisprachiges Webportal  initiiert. Mehrmals die Woche werden in der taz.gazete Artikel, Kolumnen, Interviews, Analysen, Reportagen veröffentlicht, die sich mit den aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in der Türkei und der Diaspora beschäftigen – auf türkisch und auf deutsch.

Interview mit Mithat Sancar vom 4.11.2016 zu den Verhaftungen der HDP-Abgeordneten. (Zeit Online vom 4.11.2016).
Interview mit Mithat Sancar vom 30.1.2017 zu den jüngsten Entwicklungen in der Türkei. (Berliner Zeitung vom 30.1.2017)
Der Verfassungsjurist Mithat Sancar war im Oktober 2013 als Gast des VIDC in Wien und ist Abgeordneter der HDP.

Ilker Ataç, Joachim Becker: Turkey: The Politics of National Conservatism (JEP vol. XXXII 1/2-2016)

Hintergrund

Am 15. Juli 2016 versuchten Teile des türkischen Militärs gegen die AKP Regierung und Staatspräsident Recep Tayyip Erdoĝan zu putschen. Seither wurden der Ausnahmezustand und massenhafte Entlassungen aus dem öffentlichen Dienst sowie Verhaftungen durchgesetzt. Waren anfangs v.a. vermeintliche Anhänger_innen der Gemeinde von Fethullah Gülen von den Repressionen betroffen, geraten immer mehr missliebige Oppositionelle, Journalist_innen, Akademiker_innen und vor allem Kurd_innen unter Generalverdacht und werden inhaftiert. Auch Mitarbeiter_innen der Oppositionszeitung Cumhuriyet sowie die beiden Vorsitzenden der Oppositionspartei HDP (Demokratische Partei der Völker) Figen Yuksekdag und Selahattin Demirtas und weitere Abgeordnete der HDP wurden mittlerweile verhaftet.

Die Beschäftigung mit der Türkei, eines Landes am Schnittpunkt verschiedener Interessenssphären, ist das Resultat einer strategischen Neuausrichtung der Politik des VIDC in eine spannungsreiche Region, um einerseits die dynamische Entwicklung eines Landes zu beschreiben, anderseits auch seine Widersprüchlichkeiten und Defizite klarzumachen und damit dessen Rolle und die seiner Bewohner_innen zu würdigen, die Österreich und Europa in jahrhundertelangen politischen und kulturellen Beziehungen vielschichtig verbunden sind.

Unter anderen hat das VIDC seit 2009 eine Vortragsreihe in Wien etabliert, deren Beiträge wir auch in dem Sammelband Türkei. Kontinuitäten Veränderungen, Tabus dokumentiert haben. Die breite Beachtung, die die Vorträge gefunden haben, sowie seine mediale Rezeption reflektieren auch die vielfältigen Beziehungen der in Österreich lebenden Türk_innen, die sich in grosser Zahl daran beteiligt und in angeregten Diskussionen  gezeigt haben, wie bei allen Gegensätzen und unterschiedlichen Auffassungen sachlich-respektvoller  Dialog Verbundenheit stiftet.