Zeit und Ort

Donnerstag, 9. Oktober 2008
18.30 - 20.30 Uhr
Oesterreichische Kontrollbank, Reitersaal
Strauchgasse 1-3, 1010 Wien

Programm

Peter Niggli, Alliance Sud

Anton Mair, Außenministerium (BMeiA)

Petra Navara, Globale Verantwortung - Arbeitsgemeinschaft für Entwicklung und Humanitäre Hilfe

Begrüßung: Walter Posch, vidc

Moderation: Elfriede Schachner, vidc

Der Streit um die Entwicklungshilfe

 

Hintergrund

Entwicklungshilfe und ihre Wirksamkeit werden seit einigen Jahren pauschal als nutzlos kritisiert. Die Hilfe habe nichts zum Wirtschaftswachstum in den armen Ländern beigetragen. Sie habe die Armut nicht verringert. Und sie fließe oft in die falschen Taschen der Reichen und Korrupten. Dort wo viel Entwicklungszusammenarbeit  betrieben wurde – wie in Afrika – sei die Armut nicht kleiner geworden. Wo die Armut zurückgegangen sei – wie in Asien – habe dies aber nichts mit EZA zu tun gehabt. Die EZA sei zum Selbstzweck verkommen, es gebe eine eigene „Entwicklungs­industrie“.


Der Schweizer Entwicklungsexperte Peter Niggli zeigt in seinem neuesten Buch „Der Streit um die Entwicklungshilfe“ was Entwicklungszusammenarbeit erreichen kann, warum die UN-Millenniums-Entwicklungsziele nützlich sind, warum man mehr tun muss und er geht auf die Pauschalkritik ein. Er warnt davor, die Grenzen der Entwicklungszusammenarbeit aus den Augen zu verlieren. Sie sei zwar wichtig, spiele bei Entwicklungsprozessen aber nur eine begleitende Rolle. Sie sei dann erfolgreich und sinnvoll, wenn sie sich auf die Verbesserung der Lebensumstände der Ärmsten konzentriere und diesen neue Perspektiven eröffne. Heute aber werde ein Großteil der Gelder zur Wahrung der Eigeninteressen der »Geber« missbraucht.

Die Budgets für Entwicklungshilfe haben sich weltweit seit 2001 von 50 auf 100 Milliarden Dollar pro Jahr verdoppelt, Tendenz steigend. Das hat zwei Gründe: Die anhaltende Marginalisierung der ärmsten Länder, vor allem in Afrika, und der Terroranschlag auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001. Seither stoßen in der Entwicklungszusammenarbeit zwei Tendenzen aufeinander. Die einen wollen Entwicklungsgelder als strategisches Mittel im »Krieg gegen den Terrorismus« und zur Sicherung von Rohstoffen einsetzen. Die andern wollen die Hilfe auf die ärmeren Länder konzentrieren und in soziale Bereiche sowie Umweltverbesserungen investieren. Sie stützen sich dabei auf die Millenniums-Entwicklungsziele, auf welche sich die Mitglieder der Vereinten Nationen im Jahr 2000 verpflichtet haben.

Niggli ärgert sich, dass die Pauschalkritik blind dafür ist, was an der EZA wirklich zu kritisieren ist und dass sie aus der wissenschaftlichen Kontroverse über die Wirksamkeit der Hilfe selektiv jene Studien heraus suchen würde, die ihr nützen. Der blinde Fleck der Pauschalkritik betrifft zum Beispiel große, geostrategisch aktive „Geber“staaten wie USA und Frankreich, die dazu neigen, ihre Hilfe außenpolitisch zu instrumentalisieren.

 

Was würde es bewirken, wenn die Pauschalkritik politisch Erfolg hätte und die Entwicklungshilfe ersatzlos gestrichen würde? Die Auswirkungen wären paradox: Gestrichen würden nur jene Gelder, die tatsächlich den Armen zugute kommen. Hingegen würden die Geberländer Mittel und Wege finden, alle macht­politisch und wirtschaftlich motivierten Zahlungen an die Entwicklungsländer weiterzuführen. Niggli kommt zum Schluss, dass die Pauschalkritik an der EZA nur ein Ziel verfolgte, nämlich die Erhöhung der Entwicklungszusammenarbeit zu verhindern.

 

Niggli legt in seinem Buch eine Art Essenz seiner Einsichten zur Entwicklungshilfe vor und führt an, in welchen Bereichen Erfolge nachge­wiesen werden konnten. Er fordert uns aber auf, mit Realismus darüber nachzudenken, was Zusammen­arbeit wirklich erreichen kann.

Podium

Peter Niggli

Peter Niggli war viele Jahre Journalist und ist seit 1998 Geschäftsleiter der Alliance Sud, der gemeinsamen entwicklungspolitischen Lobbyorganisation der sechs großen Schweizer Hilfswerke. Alliance Sud setzt sich für die Anliegen der Entwicklungsländer ein und versucht die Politik der Schweiz entsprechend zu beeinflussen. Niggli ist Verfasser mehrerer Studien über Afrika und Buchautor wie zB 2004: „Nach der Globalisierung. Entwicklungspolitik im 21. Jahrhundert“. Der langjährige Experte für Entwicklungs­politik lebt in Zürich.

Anton Mair

Anton Mair ist seit mehr als 25 Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit tätig. Nach einem mehrjährigen Personaleinsatz in Papua Neuguinea war er Leiter des entwicklungspolitischen Ausbildungszentrums des ÖED, anschließend Verantwortlicher für Bildung und Ausbildung in der öffentlichen EZA, dann Leiter des Regionalbüros der OEZA in Uganda. Seit 2004 leitet er die Abteilung Evaluierung, Politik- und Strategieentwicklung und ist stellvertretender Leiter der OEZA im Außenministerium.

Petra Navara

Petra Navara arbeitet seit 1990 im Bereich der EZA und ist derzeit Bereichsleiterin der Personellen Entwicklungszusammenarbeit bei HORIZONT3000. 2007 übernahm sie den Vorsitz der Globalen Verantwortung, der Arbeitsgemeinschaft für Enwicklung und Humanitäre Hilfe. Der Dachverband vertritt rund 30 NGOs in Österreich.

Walter Posch

Walter Posch war von 1990 bis 2006 Abgeordneter zum Nationalrat, 1995 Abgeordneter zum Europäischen Parlament, von 1999 bis 2006 Menschenrechts­sprecher der SPÖ und seit 2007 ist er der Geschäftsführende Direktor des vidc.


Elfriede Schachner

Elfriede Schachner ist seit 1991 im entwicklungspolitischen Bereich tätig: zuerst beim ÖIE, seit 1994 bei der AGEZ. Seit 2000 war sie die Geschäftsführerin der AGEZ, des Dachverbands entwicklungspolitischer NGOs in Österreich. Seit 2008 arbeitet sie im vidc in der Abteilung Dialog & Politik und ist vor allem für Öffentlichkeits- und Medienarbeit sowie Anwaltschaft zuständig.