"We don’t fall back into the 50s, we never left them." On the distribution of unpaid work during the COVID-19 lockdown.

An interview with Katharina Mader by Lena Gruber (VIDC)

VIDC online magazine Spotlight

This article was published in the VIDC online magazine Spotlight 52/June 2020. If you what to receive the quarterly online magazine, invitations and documentations please subscribe here

Further readings and links

Blog: „Genderspezifische Effekte von COVID-19“ der Wirtschaftsuniversität Wien, Institut für Heterodoxe Ökonomie

Bock-Schappelwein, Julia, Ulrike Famira-Mühlberger und Christine Mayrhuber (April 2020) COVID-19: Ökonomische Effekte auf Frauen, Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung, WIFO Research Briefs 3/2020 

About Katharina Mader

Katharina Mader ist Assistenzprofessorin am Institut für Institutionelle und Heterodoxe Ökonomie der Wirtschaftsuniversität Wien mit den Forschungsschwerpunkten feministische und politische Ökonomie, Care-Ökonomie und Ökonomie des öffentlichen Sektors. 2017 wurde sie für ihre Forschung über unbezahlte Arbeit mit dem Wiener Frauenpreis ausgezeichnet. Derzeit leitet sie die Studie der WU Wien und der AK über die Verteilung unbezahlter Arbeit während der COVID-19 Maßnahmen.

Die Verteilung der unbezahlten Arbeit hat sich seit den 50ern nicht wesentlich verbessert.

© imageBROKER/Alamy Stock Foto

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Lena Gruber (LG): Sehr früh während der Corona-Krise, im März 2020, schrieb die Journalistin und Autorin Helen Lewis, „The Coronavirus Is a Disaster for Feminism“. Wie würden Sie diesen Satz erklären?

Katharina Mader (KM): Krisen wirken immer wie Vergrößerungsgläser. Das heißt, dass sich Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, aber auch alle anderen - zwischen Klassen, zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund usw.  - verstärken. Krisen sind aber auch eine Möglichkeit, diese Ungleichheiten zu erkennen, die im Normalfall oft verdeckt sind. Wir sehen aber auch aus den letzten Krisenbearbeitungen, dass die Politiken, die gesetzt werden - z.B. die Sparmaßnahmen nach der Wirtschafts- und Finanzkrise - diese Ungleichheiten noch einmal verstärken. Für Gleichstellungspolitik und feministische Politik ist es ganz schwierig in Krisenzeiten und unmittelbar danach gehört zu werden. 

LG: Sie sind Expertin für feministische Ökonomie, insbesondere unbezahlte Arbeit und Care-Arbeit. Ihre aktuelle Studie beleuchtet, wie sich die Corona-Krise auf diese Bereiche ausgewirkt hat. Bevor wir uns über die Studie unterhalten, würde ich gerne über die Ausgangslage sprechen. Können Sie mir einen Überblick über unbezahlte Arbeit und Care-Arbeit in Österreich geben: In welchem Ausmaß wird bezahlte und unbezahlte Care-Arbeit geleistet, und wieviel davon von Frauen?

KM: Wir haben in Österreich eine enorme schlechte Datenlage wie in fast keinem anderen europäische Land. Die letzten Zahlen sind aus dem Jahr 2008/2009, da wurde die letzte Zeitverwendungserhebung, die alle zehn Jahre stattfinden soll, durchgeführt. Wir hatten 1981 und 1992 eine, zehn Jahre später hatten wir die erste schwarz-blaue Regierung, die sofort gesagt hat, diese Daten interessieren sie nicht. 2008/2009 wurde wieder eine Zeitverwendungsstudie durchgeführt und zehn Jahre darauf unter Schwarz-Blau II wurde das wieder unterlassen. Das heißt, dass auch die Entscheidung welche Daten erhoben werden, ein politischer Prozess ist. Eine solche Studie durchzuführen ist im aktuellen Regierungsprogramm verankert. Hoffen wir, dass diese nicht genaue eine Maßnahme ist, die auf Grund der Krise eingespart wird. 

Care-Arbeit – ob bezahlt oder unbezahlt – ist Arbeit unmittelbar mit Menschen im Fürsorgebereich, also Kinder-, Kranken- oder Altenbetreuung in eigenen Haushalt, aber auch Schulen, Kindergarten, Spitäler, Kranken- und Altenbetreuung. Im erweiterten Sinn gehört auch unbezahlte Hausarbeit dazu. Was all diese Bereiche gemeinsam haben, ist dass sie Großteiles von Frauen durchgeführt werden. 70 – 90 % in systemerhaltenden Berufen sind Frauen. Bezahlte Care-Arbeit außerhalb des Haushalts ist in zweierlei Hinsicht total wichtig: Sie ermöglichen Frauen direkte Erwerbtätigkeit als Kindergärtnerin, Krankenpflegerin, Ärztin, etc. und geben anderen Frauen, die an diese Frauen unbezahlte Arbeit auslagern, auch die Möglichkeit erwerbstätig zu sein. Dieser Domino-Effekt wurde auch in der letzten Krise sichtbar. Es wurde genau bei den typisch weiblichen Care-Berufen gespart. Das bedeutete nicht nur Arbeitslosigkeit für eine Frau direkt, sondern auch Mitnahmeeffekte für die Erwerbstätigkeit von anderen Frauen.

Frauen mit Kindern leisteten während des Lock-Downs neun bis neuneinhalb Stunden unbezahlte Arbeit

Aus der letzten Studie wissen wir, dass Frauen zwei Drittel der unbezahlten Haus- und Sorgearbeit machen. Spannend ist, dass der Bereich der unbezahlten Hausarbeit und der gesamten bezahlten Arbeit ähnlich große Volumen haben. Österreicher*innen waren 2008/09 9,5 Milliarden Stunden erwerbstätig und 9 Milliarden Stunden unbezahlt tätig. Mit einem Durchschnittslohn von elf Euro pro Stunde käme man auf 100 bis 105 Milliarden Euro, die diese unbezahlte Arbeit Wert wäre. Das waren rund 30 % des Bruttoinlandprodukts. Umso verwerflicher ist es, dass das nicht als Vorleistung für die Wirtschaft wahrgenommen wird. 

LG: Sie haben gerade eine Studie zu den Auswirkungen der aktuellen Krise auf die Verteilung von unbezahlter Arbeit zu Hause durchgeführt. Was sind die ersten Ergebnisse?

KM: Alleinerzieherinnen arbeiteten während des Lock-Downs 15 Stunden am Tag, neun Stunden davon unbezahlte Kinder- und Hausarbeit. Massiv überraschend war die Zahl von Müttern in Paarhaushalten, da waren die Zahlen fast gleich wie Alleinerzieherinnen, sie kommen auf 14 Stunden und 15 Minuten Arbeit, neuneinhalb davon unbezahlt. Väter in diesen Haushalten arbeiten insgesamt etwas weniger, nämlich 13 Stunden und 45 Minuten, allerdings zweieinhalb Stunden weniger unbezahlt, knappe sieben Stunden. Die Relation blieb bei den Paaren, wo beide im Homeoffice waren, gleich wie davor. Homeoffice als solches hat nicht dazu beigetragen, dass man sich bezahlte und unbezahlte Arbeit fairer aufgeteilt hat. In Paarhaushalten ohne Kinder ist es sehr wohl ausgeglichen. Da sehen wir, dass beide zirka acht Stunden erwerbstätig sind und zirka zweieinhalb bis drei Stunden Arbeiten im Haushalt erledigen. Da zeigt sich, dass das erste Kind auch in den egalitärsten Paarbeziehungen die Aufteilung von unbezahlter und bezahlter Arbeit zusammenhaut. 

60 % der Frauen gaben an, dass sie mehr Hausarbeit als der Partner machen, 70 % dass die mehr Kinderbetreuung übernehmen. Die Zahlen sind fast gleich wie vorher, sie sind nur jetzt bei einem ganz anderen Stundenausmaß. Die Idee „Wir fallen zurück in die 50er“ ist vielleicht gar nicht so stichhaltig, sondern unter Umständen sind wir da nie rausgekommen. Die Zuständigkeit lag vorher bei den Frauen und ist jetzt ganz klar bei den Frauen. Die Mehrheit, 70 % der Frauen, gehen davon aus, dass es auch nachher so sein wird. 

LG: Was glauben Sie, wird sich etwas an der Wertschätzung von Care-Arbeit verändern? Einerseits kam es ja zu einer Sichtbarmachung der Systemrelevanz von Care-Arbeit, andererseits wurde auch schnell wieder weggeschaut.

KM: Ein Fehler an der Idee, dass Care-Arbeit mehr wertgeschätzt wird, wenn sie sichtbarer wird ist, dass sie ja nicht wirklich sichtbar gemacht wurde. Ich hätte mir vorstellen können, dass sich etwas positiv verändern hätte können, wenn es z.B. Thema von Pressekonferenzen der Regierung gewesen wäre. Im Großen ist, bis auf das Klatschen am Balkon, ja nicht wirklich was für diejenige, die systemrelevant waren, passiert. Im Mikrokosmos hat es sicherlich – etwa durch Diskussionen um die Aufteilung von unbezahlter Arbeit - ein bisschen Veränderung gegeben. Es gibt aber viele Faktoren, die mich pessimistisch stimmen: Wir vergessen schnell und sind - individuell und als Gesellschaft - veränderungsresistenter als uns lieb wäre. Außerdem ist Machtumverteilung aus einer Krise heraus schwierig, weil man da dazu tendiert zum Alten zurückzuwollen. 

Solidarität unter Frauen und die Sichtbarmachung von Care-Ketten

Was mich positiv stimmt ist, dass Frauen aus der Mittelschicht bemerken, dass ihre Stellung am Arbeitsmarkt nicht daraus resultiert, dass sie in ihrer Partnerschaft unbezahlte Arbeit gerecht aufgeteilt hatten, sondern an andere Frauen ausgelagert hatten. Wir wissen schon lange, das Gleichberechtigung am Arbeitsmarkt eine Illusion ist, solang unbezahlte Arbeit nicht gleich verteilt wird. Die Krise machte Care-Ketten und migrantische Frauen, die Wanderungsprozesse in den Westen haben, um Care-Arbeit für andere vor allem weiße Frauen zu leisten, sichtbar. Das macht Dimensionen auf, die durchaus politisch-gesellschaftliche Veränderung erzeugen könnten. Gut bezahlte, gebildete Mittelstandsfrauen haben eher eine Stimme als alle anderen Frauen und wären vielleicht auch diejenigen, die Druck aufbauen können. Sie könnten fordern: „Wenn uns das wieder passiert brauchen wir eine qualitätsvolle, flächendeckenden Kinderbetreuungen und einen Staat, der sich nicht aus der Pflege herausstielt mit so schlechten Konzepten wie der 24h Pflege.“ Ich würde mir wünschen, dass die Krise mehr Solidarität unter Frauen bringt.

LG: Das ist spannend, weil ja auch viele vertreten, dass mehr Männer in Care-Berufen und auch das Pushen des Konzeptes der caring masculinities ein Faktor sein könnte, der mehr Gleichberechtigung bringt. 

KM: Ich bin grundsätzlich absolut der Meinung, dass das gepusht gehört. Im Moment, vor dem Hintergrund der hohen Arbeitslosenzahlen, besteht die Gefahr, dass Frauen in der Erwerbstätigkeit verdrängt werden, mit dem Argument Männer in Pflegejobs zu bringen, weil die jetzt als systemrelevant gesehen werden. Grundsätzlich bin ich ganz massiv dafür, dass Männer in diese Berufe gehören, in Krisenzeiten bin ich mir nicht sicher, ob das eine gute politische Strategie ist. 

LG: Was wären denn solche Strategien, wie die Krise positive Veränderungen in Richtung einer feministischen Gesellschaft bringt? 

KM: Eine feministische Forderung seit jeher ist eine Arbeitszeitreduktion bei vollem Lohnausgleich. Das wäre eine Rahmenbedingung für die gleiche Aufteilung unbezahlter Arbeit, weil nicht einer sagen kann, er ist 60 Stunden erwerbstätig und kann deshalb keine unbezahlte Arbeit leisen. Das wäre in der Krise mit einer hohen Arbeitslosigkeit auch deshalb relevant, weil man nicht nur unbezahlte Arbeit umverteilt, sondern auch Erwerbstätigkeit. In dem Zusammenhang wissen wir aber auch, dass bei einer Arbeitszeitreduktion Männer nicht automatisch mehr unbezahlte Arbeit übernehmen. Da braucht es parallel Maßnahmen zur Gleichstellungssensibilisierung. Des Weiteren braucht es eine Veränderung von Steuerpolitiken, sodass nicht mehr die traditionelle Kleinfamilie präferiert wird - wie der Familienbonus, der forciert, dass einer viel und eine wenig verdient. Auch Pensionssplitting führt zwar zur Bekämpfung von Altersarmut von Frauen, aber tendenziell auch dazu, dass Frauen weniger erwerbstätig sind und den Großteil der unbezahlten Arbeit machen. Es braucht auch Karenzregelungen, die anders geframt sind als „12+2“. Länder in denen Karenzzeiten gleich(er) verteilt sind, zeigen auch nachher eine höhere Einbindung der Väter.