Diaspora-Engagement: Brücken zwischen Praxis, Politik und Forschung

Bericht zur Podiumsdiskussion am 15. September 2026

9. Jahrestagung zur Migrationsforschung in Österreich


Die Podiumsdiskussion fand als Abendveranstaltung im Rahmen der 9. Jahrestagung zur Migrationsforschung in Österreich (14.–16. September 2026) statt.

Programm

Katharina Oke

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Zeitgeschichte der Universität Graz und Forscherin beim Projekt Advancing Equality Within The Austrian School System - AEWTASS. Sie studierte Journalismus und Afrikawissenschaften in Wien. Seit September 2022 ist sie Marie Curie Global Fellow in Partnerschaft mit der Universität Ibadan, Nigeria.

Daniela Paredes Grijalva

ist eine Anthropologin und Migrant Scholar, deren Arbeit sich mit Migration, Umweltgerechtigkeit und Menschenrechten unter Verwendung intersektionaler und dekolonialer Ansätze befasst. Sie untersucht Mobilität als alltäglichen Zustand des heutigen Lebens und als grundlegende Dimension dafür, wie Menschen über Grenzen hinweg Zugehörigkeit, Gemeinschaft und Zukunftsperspektiven schaffen. 

Dunia Khalil

ist langjährige Rechtsberaterin im Bereich Antirassismus und Hass im Netz. Als ausgebildete Trainerin gibt sie Workshops zu unterschiedlichen Themen rund um Antidiskriminierung. Derzeit leitet sie die Rechtsberatung der Dokustelle Islamfeindlichkeit und antimuslimischer Rassismus sowie die des Antirassismus-Referats der Universität Wien.

Moderation Michael Fanizadeh

ist Politologe und stellvertretender VIDC-Geschäftsführer sowie Projektkoordinator bei VIDC Global Dialogue. 

Team

Kuratiert von

Michael Fanizadeh, VIDC Global Dialogue

Bericht

Marlene Eichinger

Die Podiumsdiskussion fand am 15. September im Rahmen der 9. Jahrestagung zur Migrationsforschung in Österreich an der Universität Wien statt. Moderiert wurde der Abend von Michael Fanizadeh (VIDC Global Dialogue). Gemeinsam wurden Beispiele für die Notwendigkeit von Migrationsforschung durch Personen aus der Diaspora vorgestellt und Herausforderungen hinsichtlich der Verhältnisse Forschende/Beforschte, Theorie/Praxis und Unabhängigkeit/Finanzierung diskutiert.

Fanizadeh eröffnete die Veranstaltung mit einer kritischen Einordnung dessen, wie Migrationsforschung aktuell betrieben wird: Zwar seien migrantische Forschende und Stimmen der Diaspora inzwischen sichtbarer, von einer umfassenden Einbindung in Forschungsprozesse könne jedoch nicht die Rede sein. Was braucht es, um dies zu ändern?

Rassistische Stereotype: Was in Österreichs Schulen (noch immer) gelehrt wird

Als Einstieg in die Thematik stellte Katharina A. Oke das Forschungsprojekt AEWTASS (Advancing Equality Within The Austrian School System) vor, von dem sie Teil war und das wesentlich auf der Expertise von Angehörigen der afrikanischen Diaspora fußt. Die Forschenden setzten sich dabei kritisch und transdisziplinär mit der Darstellung des afrikanischen Kontinents in österreichischen Schulbüchern bzw. Unterrichtsmaterialien auseinander. Es zeigte sich: Die Geschichte des afrikanischen Kontinents wurde auf Unterdrückung und Sklaverei reduziert, es wurden problematische Begriffe verwendet und die visuellen Darstellungen waren negativ bzw. stützten koloniale und rassistische Stereotype. Oke wies darauf hin, wie einflussreich solche Bücher mit Blick auf Meinungsbildung und die Formung eines kollektiven Bewusstseins seien und wieviel selbstverständliches Vertrauen ihnen entgegengebracht werde.

Das Projektteam arbeitete daran, den problematischen Darstellungen differenziertere Repräsentationen entgegenzusetzen. Wesentlicher Teil des Forschungsprojekts war auch der Austausch mit wichtigen Akteur*innen im Bildungsbereich – darunter Verlage, Lehrpersonal und Schüler*innen. Das Ziel sei es, „global citizenship education“ zu ermöglichen, doch dafür brauche es weiterhin Unterstützung und Finanzierung.

Wer sind die Migrations-Expert*innen?

Daniela Paredes Grijalva näherte sich dem Verhältnis von Forschenden und Beforschten auf konzeptueller Ebene. Wer wird als (Migrations-)Expert*in gesehen? Wer ist Subjekt mit Deutungsmacht und wer wird als scheinbar passives Forschungsobjekt präsentiert? Beim Thema Migration gebe es dominante Narrative, von denen die eigentlich Betroffenen ausgeschlossen seien. Es brauche daher ein neues Verständnis davon, wer als Migrations-Expert*in gesehen wird. Wenn Paredes Grijalva mit Personen spricht, die von einem Ort an einen anderen migriert sind, dann sei für sie klar: Diese Personen haben bereits Wissen und sind Expert*innen für bzw. in etwas. Sie als Forschende habe die Möglichkeit, von ihnen zu lernen.

Ein ganz anderer Zugang finde sich jedoch in der europäischen und österreichischen Integrationspolitik wieder. Hier werde von Migrant*innen Assimilierung gefordert, während ihnen Hürden in den Weg gestellt würden und ihr Wissen und ihre Kompetenzen ungenutzt blieben. Anstatt zu fragen, wie die in Österreich ankommenden Menschen das Ankommen besser meistern könnten – obwohl ihnen manches bewusst schwer gemacht wird –, sollte man eher fragen: Wie kann die Gesellschaft so gestaltet werden, dass alle einen Platz haben und für ihre spezifische Expertise Anerkennung erhalten? Auch in zivilgesellschaftlichen Netzwerken müssten Akteur*innen des Globalen Nordens viel offener sein und die Rahmenbedingungen ändern, unter denen sie mit Menschen des Globalen Südens in den Austausch gehen.

Präventive Forschung

Dunia Khalil, die in der Rechtsberatung von Rassismus Betroffenen tätig ist, problematisierte vor allem die Leerstelle zwischen Forschung und tatsächlicher Veränderung – also Praxis. Wenn Betroffene in die Beratung kämen, dann kämen sie mit ganz konkreten Situationen, nicht mit abstrakten Konzepten. Es sei wichtig zu verstehen, was passiert, bevor sich jene Situation zuträgt, die eine Person dann dazu bringt, Unterstützung zu suchen. Das Problem sei häufig, dass rassistische Strukturen in der Wissenschaft oder den Medien erst als solche anerkannt werden, wenn bestimmte Situationen ‚oft genug‘ auftreten und Statistiken zitiert werden können. Doch Khalil mahnt: “A problem should not have to happen often enough before we recognise it.” Um dem gerecht zu werden, müsse Forschung transdisziplinär gestalten werden und eine präventive Rolle einnehmen. Die Frage müsse sein: Was wird zu einem strukturellen Problem werden, wenn nicht jetzt bestimmte Maßnahmen ergriffen werden? Auch Khalil betonte, dass migrantische Communities von Anfang an in Forschungsprojekte eingebunden sein müssten. Sie seien diejenigen, von denen das Wissen komme und an deren Lebensrealität sich letztlich auch zeigt, inwieweit Erkenntnisse in die Praxis übersetzt werden.

Woran scheitert die Migrationsforschung aktuell?

Die Vortragenden waren sich einig, dass die Expertise der Diaspora Communities bisher noch wenig als solche anerkannt werde. Es brauche viel mehr laufenden Austausch zwischen der Wissenschaft und betroffenen Communities, nicht nur punktuell zum Zweck eines konkreten Forschungsprojekts. Außerdem werde nach wie vor zu wenig transdisziplinär und intersektional gearbeitet. Auch Critical Race Theory sei in Österreich bisher kaum Teil der Forschung, so Khalil. Teilweise stehe die Forschung, wie im Bereich des anti-muslimischen Rassismus, noch ganz am Anfang.

Der Grund, warum teilweise nicht mehr in der Forschung passiert oder man notgedrungen mehr reaktiv statt präventiv agiere, sei das Problem mangelnder Finanzierung. Welche (Forschungs-)Projekte werden gefördert? Worüber solle – aus Sicht der Fördergeber – gesprochen werden und worüber nicht? Khalil nannte hier als Beispiel das Thema Israel/Palästina. Angesprochen auf die Schwierigkeit, Förderungen für antirassistische bzw. dekoloniale Projekte zu bekommen, waren sich die Podiumsteilnehmer*innen jedoch einig: Man solle mutig sein, gewisse sensible Themen zu adressieren. Schließlich gehe es um grundlegende Menschenrechte.

Die wichtigsten Forderungen des Abends:

•    Institutionelle Inklusion: Forschungsinstitute müssen Zugang für migrantische Wissenschafter*innen schaffen und permanent mit Diaspora Communities im Austausch sein, um Forschungsagenden zu definieren.
•    Präventive Forschung: Forscher*innen sollten sich weniger auf die Beschreibung bereits manifester Krisen fokussieren, sondern präventiv forschen, was Transdisziplinarität erfordert.
•    Anerkennung informellen Wissens: Es ist notwendig, informelles Wissen von Betroffenen als Expertise anzuerkennen und im Forschungsprozess von Anfang an zu integrieren.
•    Mutige Wissenschaft: Trotz finanzieller Abhängigkeit dürfte den Fördergebern nicht die alleinige Deutungsmacht über Integrations-Narrative überlassen werden. Statt vorbeugender Selbst-Zensur brauche es Mut, sensible Themen wie strukturellen Rassismus und Islamophobie uneingeschränkt zu adressieren.
 

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