„Herrschaft beginnt mit dem Versuch, Abhängigkeit zu leugnen.“ (Jessica Benjamin)
Nach der Gewalt kommt die Rechtfertigung. Immer gibt es, so sagen diejenigen, die zur Gewalt greifen, Gründe für ihr Verhalten. Nicht selten haben die anderen angefangen. Nicht selten, so heißt es, habe man sich nur verteidigt. Nicht selten liegt es am anderen, warum es überhaupt so weit gekommen ist.
„Er hat angefangen.“ „Sie hat mich provoziert.“ „Ich hatte keine andere Wahl.“ „Es war Selbstverteidigung.“
Wo beginnt und wo endet eigentlich das Selbst?
Gewaltanwendung zeigt sich auf diese Weise stets als etwas Sekundäres, als etwas Nachfolgendes. Sie folgt einer Beleidigung, einem falschen Wort, einem falschen Blick, einer vorangegangenen Gewalt oder der Drohung einer solchen. Was tatsächlich passiert ist, kann zweifelhaft sein. Was sich jedoch immer zeigt, ist die Legitimierung: Gewalt muss sich rechtfertigen. Alles andere wäre kaum denkbar. Doch genau darin liegt ein eigentümlicher Möglichkeitsraum: Wenn Gewalt sich glaubhaft rechtfertigt, versteckt sie sich nicht mehr, sie will sein.
Faustschlag, Kinnhaken, Messer im Bauch, Krieg, Femizid, Genozid, Rassismus, Sexismus, Auslachen, Kleinmachen, Beschimpfen, Lächerlichmachen, Verdinglichen. „Du Trottel.“ Angstmachen. Erpressen. Drohen. „Entweder – oder“
Gewalt als Ereignis. Gewalt als Struktur. Gewalt als Prozess. Gewalt als Verdinglichung. Gewalt als Alltag.
Seit diesem Jahr setzt VIDC – Global Dialogue einen besonderen Schwerpunkt auf Gewaltprävention in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen und bietet dazu Workshops an. Schulen sind Orte, an denen Fragen nach Identität, Differenz und Zugehörigkeit, nach dem Zugang zur Welt und nach einer auf Austausch und Dialog beruhenden Gemeinschaft besonders sichtbar werden.
Schulen in Wien sind bunt. Viele Schüler*innen sind mehrsprachig, in mehreren kulturellen und sozialen Welten zu Hause. Gleichzeitig werden im Leben von Jugendlichen und jungen Erwachsenen gewaltsame Dynamiken besonders sichtbar. So beginnen unsere Workshops häufig mit der Feststellung, dass Gewalt niemandem fremd ist. Viele von uns haben Gewalt erfahren. Viele haben Gewalt bezeugt. Wahrscheinlich waren wir alle schon einmal in einer Position, in der wir selbst Gewalt angewendet haben.
Fremdgemacht
Was vielsprachige, in mehr als einer Kultur- und Lebenswelt beheimatete junge Menschen in Wien häufig erfahren, ist keineswegs, dass ihnen die Welt offensteht. Die Welt erscheint vielmehr als eine, die ihre Türen allzu häufig verschließt. Sie gehen durch die Welt – und werden angehalten: „Ausweis herzeigen!“ Hamza erzählt, dass Luca neben ihm nicht aufgefordert wird, seinen Ausweis herzuzeigen. Das Fremde ist in uns allen. Der Unterschied besteht darin, dass Hamza fremd gemacht wird. Es reicht nicht, dass er hier geboren ist. Es reicht nicht, dass er Deutsch mit Wiener Akzent spricht. Es reicht nicht, dass er vier Sprachen spricht. Sein Aussehen reicht, um ihn fremd zu machen. Beklemmend sind derartige Erzählungen in unseren Workshops. Beklemmend ist auch, wenn Hamza erzählt, was ihm im Sommerurlaub „in der Heimat“ passiert. Auch dort wird er fremd-gemacht. Kein „Echter“ zu sein, keiner, der ganz zu dem gehört, was die einen und die anderen, jeweils in strenger Abgrenzung, „Wir“ nennen.
Weder das eine noch das andere. Oder: Das eine und das andere. Vielleicht liegt eine Möglichkeit gerade darin, sich der Markierung zu entziehen, ohne sie zu verleugnen; nicht beizutragen zu einer Verabsolutierung der Markierung. Das Dazwischensein ist keine Brücke zwischen zwei vermeintlich eindeutigen Welten. Das Dazwischen ist eine eigene Welt.
Kontrolle
Wie häufig migrantisch gelesene Personen von Rassismus berichten, ist erschütternd. Ebenso erschütternd ist das Ausmaß an sexueller Belästigung, das junge Frauen schildern. Der Ausschluss, die Diskriminierung, die fehlende Anerkennung führen nicht selten zu Gefühlen der Ohnmacht. Die Ohnmacht scheint gerade für junge Männer manchmal so belastend, dass scheinbar nur die Möglichkeit bleibt, die eigene Verletzlichkeit vollständig zu unterdrücken. Verletzlichkeit wird mit Schwäche gleichgesetzt und alles, was Schwäche zeigen könnte, muss verschwinden. Doch Verletzbarkeit bedeutet Menschsein. Wovon wollen sich Menschen lösen, wenn sie sich von ihrer Vulnerabilität befreien wollen?
Dem Wunsch nach Kontrolle liegt häufig der Wunsch zugrunde, sich von der Ohnmacht zu befreien. Und doch verschiebt sich etwas: Das Befreien von der Ohnmacht wird verwechselt mit einem Wunsch nach Körperpanzer und Allmachtsfantasien. Im zwanghaften Wunsch nach Kontrolle wird zuerst der eigene Körper kontrolliert, nicht viel später der Körper der anderen. Ganz selbstverständlich erzählen junge Männer in den Workshops davon, dass es normal sei, zu kontrollieren: Kontrollieren, was ihre Freundinnen anziehen, wohin sie gehen, mit wem sie sprechen, wann sie erreichbar sein müssen.
Kontrolle. Undurchsichtig. Der Wunsch nach Durchsicht, nach Klarsicht. Zuzupacken. Anzugreifen. Die Zähne zu zeigen, wenn es sein muss. Zubeißen. Lieber aber Zwang ohne Gewalt. Zwang ohne Gewalt – welch ein Hohn.
Die US-amerikanische Psychoanalytikerin und Feministin Jessica Benjamin analysiert, wie Herrschaft mit dem Versuch beginnt, Abhängigkeit zu leugnen. Denn wo Abhängigkeit, Bezogenheit und Verletzlichkeit nicht ausgehalten werden können, entsteht der Wunsch nach Kontrolle. Das Andere, das menschliche Gegenüber, muss berechenbar werden, verfügbar, kontrollierbar. Doch in der vollständigen Kontrolle verschwindet der andere Mensch.
Für eine langsame Revolution
Der Kampf gegen Gewalt geht uns alle an. Als Privatpersonen, als Teile von Vereinen, Organisationen und Institutionen, als Teile der Gesellschaft. Gewaltprävention ist ein Prozess. Prozess bedeutet, dass etwas im Entstehen begriffen ist. Es bedeutet aber auch, dass etwas noch nicht fertig ist. Vielleicht liegt genau darin eine der größten Herausforderungen von Prävention: nicht sofort nach einer Lösung zu verlangen, nicht alles auf einen abschließenden Zustand hin auszurichten, sondern die Lösungsorientierung für einen Moment zu pausieren und sich dem Prozess zuzuwenden.
Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan schreibt als junger Mann in einem Brief an seinen Vater, dass er, wenn er denn ein Revolutionär sei, für eine langsame Revolution eintrete – eine langsam vorbereitete Revolution. Das Paradox liegt auf der Hand: Revolutionen werden gewöhnlich als plötzliche, unvorhersehbare Umstürze verstanden. Eine langsame Revolution erscheint als Widerspruch. Und doch ist es genau das, was in den Workshops zur Gewaltprävention geschieht. Ein Prozess beginnt.
Gewalt auch dort sichtbar zu machen, wo sie subtil und versteckt auftritt, bedeutet zugleich, Handlungsspielräume jenseits von Dominanz und Gewalt zu eröffnen. Verletzlichkeit nicht als Schwäche zu behandeln und andere Perspektiven anzuerkennen, verändert Beziehungen. Gewaltprävention ist Beziehungsarbeit. Sie betont die Wichtigkeit des Zuhörens und Fragenstellens, den Wert von Irritation und das Aushalten von Widersprüchen.
Öffnen. Eröffnen. Veränderung – so wie Revolution, verstanden als etwas, das tatsächliche Veränderung hervorruft – muss als Prozess verstanden werden. Als etwas, das niemals vollständig endet und das immer die Bezogenheit und Verbundenheit zu anderen Menschen anerkennt. Das versuchen wir mit unseren Workshops zu Gewaltprävention und Geschlechtergerechtigkeit. Dabei müssen die Rahmenbedingungen Raum lassen für Rückschläge, für Fehler, für das Scheitern. Sie müssen Möglichkeiten eröffnen, die jenseits vorgeschriebener Szenarien liegen. In einer Welt, die fertige Ergebnisse fordert, weist Gewaltprävention auf etwas anderes: darauf, unvollendet zu bleiben, in Beziehung zu bleiben, präsent zu bleiben. Nicht mit der Behauptung, Gewalt ließe sich ein für alle Mal beseitigen, sondern mit der Bereitschaft, die Bedingungen zu verändern, unter denen Gewalt möglich wird.
Das ist langsam. Es ist mühsam und erschöpfend. Es ist manchmal widersprüchlich.
Der Kampf gegen Gewalt geht uns alle an.

