Männersache: Feminismus tut auch Männern gut

von Lea Susemichel

Buch

Jens van Tricht:  Warum Feminismus gut für Männer ist. Aus dem Niederländischen von Christina Brunnenkamp und Isabel Hessel. Ch. Links Verlag, 2019.

Über Jens van Tricht

Jens van Tricht hat an der Universität Amsterdam Frauen- und Geschlechterwissenschaften studiert und beschäftigt sich seit 25 Jahren mit dem Thema "Männer und Männlichkeit". In den Niederlanden hat er die Organisation Emancipator ins Leben gerufen. Außerdem gehört er zu den Koordinatoren der seit 2006 bestehenden weltweiten MenEngage Alliance, die mit Jungen und Männern an der Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit arbeitet.

Weiterführende Literatur und Links

Website der Organisation Emancipator

Koppetsch, Kornelia / Speck, Sarah (2015) "Wenn der Mann kein Ernährer mehr ist – Geschlechterkonflikte in Krisenzeiten". Suhrkamp-Verlag, Berlin.

Oxfam (2020) „Im Schatten der Profite. Wie die systematische Abwertung von Hausarbeit, Pflege und Fürsorge Ungleichheit schafft und vertieft.“

Stokowski, Margarete (2019) „Wie kann ich als Mann Feminist sein?“, Spiegel online Kolumne, 16. April 2019

Autor*in

Lea Susemichel studierte Philosophie und Gender Studies in Wien mit Schwerpunkt feministische Sprachphilosophie. Als Journalistin, Lehrbeauftragte und Vortragende arbeitet sie zu den Themen feministische Theorie & Bewegung und feministische Medienpolitik. Seit 2006 ist sie leitende Redakteurin des feministischen Magazins an.schläge.

© MatiasEnElMundo/istock

Als „Spitzenvater“ wurde der Ehemann der deutschen Astronautin Insa Thiele-Eich im vergangenen Jahr ausgezeichnet und bekam 5000 Euro Preisgeld einzig und alleine dafür, dass er sich mit seiner Frau die Kinderbetreuung gerecht geteilt und beim dritten gemeinsamen Kind ein Jahr Elternzeit (Karenz) genommen hat.
Dass ein Mann Ruhm und Preisgeld für etwas einheimst, das für unzählige Frauen eine tägliche Selbstverständlichkeit ist, aus der sie in aller Regel weder symbolisches noch ökonomisches Kapital schlagen können, ließ die Wellen verständlicherweise hochgehen. Denn es sind oft bloße „Sonntagsväter“, die auch im Alltag auf dem Spielplatz oder im Supermarkt viel Lob für ihren Minimaleinsatz bekommen. Nur jeder fünfte Vater geht in Österreich in Karenz und das meist auch nur sehr kurz, im Durchschnitt sind es nur rund zwei Monate. Wie groß die Ungerechtigkeit bei der häuslichen Arbeitsaufteilung generell ist, zeigt auch eine aktuelle Oxfam-Studie: Jeden Tag leisten Frauen und Mädchen weltweit unbezahlt über zwölf Milliarden Stunden Haus-, Pflege- und Fürsorgearbeit. Gäbe es auch nur den Mindestlohn für diese Arbeit, käme man auf die Summe von unvorstellbaren 11.000.000.000.000 (elf Billionen!) US-Dollar pro Jahr, die ihnen zustünde. Auch die Gesamtarbeitszeit von Frauen ist aufgrund dieser immensen Workload weltweit höher als die von Männern (55 statt 49 Wochenstunden), bekanntlich verdienen sie trotzdem deutlich weniger. Das belegen zahllose Zeitverwendungsstudien (die übrigens ein entsprechend wichtiges frauenpolitisches Analyseinstrument sind, das die schwarz-blaue Regierung  hierzulande jedoch abgeschafft hat) wie auch eine neue Untersuchung der Internationalen Arbeitsorganisation.
An der weiblichen Hauptzuständigkeit für Haushalt und Kinder ändert sich selbst dann nichts, wenn die Frau den größten Teil des Haushaltseinkommens verdient, wie eine Studie der Soziologinnen Cornelia Koppetsch und Sarah Speck zeigt.
Die Astronautin Thiele-Eich selbst, die sich dezidiert als Feministin versteht, versucht in einem Interview zum „Spitzenvater-Gate“ zu beschwichtigen: „Solche Preise sind wie ein Raketenantrieb, damit es schneller vorwärts geht.”

Eindringliches Plädoyer.

Als solch ein Antrieb für die gute Sache darf auch Jens van Trichts Buch „Warum Feminismus gut für Männer ist“ verstanden werden. Denn van Tricht unternimmt darin den löblichen Versuch, seinen Geschlechtsgenossen klar zu machen, dass sich der Feminismus nicht gegen Männer richtet, sondern gemeinsam mit Männern eine bessere Welt schaffen möchte.

Dass sich öffentlich zum Feminismus bekennende Autoren nun jede Menge Applaus und mediale Aufmerksamkeit dafür bekommen, dass sie dieselben Dinge wie vor ihnen schon die dafür meist unbedankten Feministinnen fordern, mag verärgern. Doch angesichts der unbestrittenen Tatsache, dass Feminismus natürlich auch Männersache sein muss, wenn sich die Welt ändern soll, sollte wohl großzügig darüber hinweggesehen werden.
Van Trichts engagiertes Buch verbindet auf stimmige Weise Erkenntnisse der Gender Studies und der kritischen Männlichkeitsforschung mit politischen Forderungen und persönlichen Erfahrungen. Der Autor, der auch Gründer der niederländischen Organisation Emancipator ist, berichtet darin, wie einsam er als Mann beim Frauenforschungs-Studium Anfang der 1990er war und formuliert eine erfreulich grundlegende Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen, auch an neoliberaler Politik, die „Lean-In-Feminismus“ begünstigt und dazu verleiten könne, Emanzipation bloß als „Nachahmung der schlechten Seiten“ zu betreiben. Die Schrift ist zudem ein eindringliches Plädoyer, sich „aus der Zwangsjacke der stereotypen Männlichkeit“ zu befreien. Van Tricht zeigt, dass „die großen Probleme der Welt in einem Zusammenhang mit Männern beziehungsweise Männlichkeit stehen“, er nennt etwa „unterschiedlichste Formen von Gewalt, Verkehrsrisiken, wirtschaftliche Ungleichheit, und tatsächlich auch die Finanzkrise sowie die Umweltkrise.“ Endemische Männergewalt, die nicht nur strukturell dafür sorgt, dass Geschlechterungleichheit weiterbesteht, sondern überall auf der Welt zu Femiziden und brutaler Gewalt gegen Frauen führt, ist tatsächlich eines dieser großen globalen Probleme. Wie auch der „Rise of the Strongmen“, der sich derzeit im Einklang mit dem weltweiten Vormarsch rechtspopulistischer Politik vollzieht.

"Mehr Mensch"

Wenn von ihm auch nicht explizit so benannt, bringt der Autor dagegen das Konzept der „Caring Masculinities“ in Stellung, das Männer verstärkt für Fürsorgetätigkeiten motivieren will. Denn wenn diese für längere Zeit eine fürsorgende Rolle einnehmen – das lässt sich empirisch eindeutig zeigen –, entwickeln sie eine andere, empathischere Haltung ihren Mitmenschen und der Welt gegenüber. Und auch sich selbst gegenüber, wie van Tricht nicht müde wird zu betonen. Denn auch die Männer profitieren durch persönliche Entwicklung, wenn sie ihre als „weiblich“ abqualifizierte Seite annehmen, werden sie „mehr Mensch“, heißt es.

Allerdings sollte man(n) sich wohl nichts vormachen: Wer Privilegien aufgibt, muss Opfer bringen, die mitunter auch schmerzhaft sein können. Dazu kommt, dass Gleichberechtigung von vormals Privilegierten durchaus als Benachteiligung empfunden werden kann, worauf auch van Tricht hinweist. Doch zum Glück hat die Männerforschung auch einiges, was sie ihnen als Karotte vor die Nase halten kann. Denn männliche Emanzipation steigert nicht allein die emotionale und soziale Kompetenz. Männer, die mehr Fürsorgearbeit übernehmen, sind auch gesünder, leben länger und begehen seltener Suizid.

Machen Sie einfach!

Bleibt die Frage: Kann es angesichts toxischer Männlichkeit überhaupt eine positive Bezugnahme auf Männlichkeit geben? Schließlich hat die Geschichte der Männerrechtbewegung gezeigt, dass auch ursprünglich profeministische Männergruppen zu Maskulinisten mutieren können, die gegen „Feminazis“ und die Benachteiligung von Buben wüten. Eine Entwicklung, die dazu geführt hat, dass sich Männer gegenwärtig, insbesondere seit der #MeToo-Debatte, in einer perfiden Täter-Opfer-Umkehrung vermehrt als die „wahren Opfer“ inszenieren.
Van Tricht gibt sich viel Mühe, biologistische Klischees zu dekonstruieren und zu denaturalisieren. Er entwirft Geschlecht konsequent als soziales Konstrukt, verweist aber zugleich darauf, wie wichtig es sei, „als Mann die gesellschaftliche und politische Verantwortung für meine Situation zu übernehmen, für meine Privilegien und wie ich mit diesem Vorrecht umgehe. Ob es mir passt oder nicht, wenn ich mich als Mann bezeichne, ist das ein politisches Statement. Dies einfach zu übergehen, ist genauso problematisch wie Farbenblindheit in der Rassismus-Debatte.“
Wie kann ein Mann Feminist sein, fragt sich auch die feministische Autorin Margarete Stokowski in einer launigen Kolumne. Van Tricht würde ihr sicherlich in dem Befund zustimmen, dass es jedenfalls nicht reiche, mit der Tochter ab und an Fußball zu spielen. Ein nützlicher Tipp von Stokowski, der den Bogen zurück zur unbezahlten Hausarbeit schlägt: „,Helfen‘ Sie Ihrer Partnerin nicht im Haushalt: Machen Sie einfach die Hälfte“ (28. Februar 2020).