„Das ist mein Traum: langweiliger Frieden“

Interview mit Ahmad Allkoud und Oula Khattab

Damaskus 11.12.2019 © Shutterstock/Ali A Suliman

Damaskus 11.12.2019 © Shutterstock/Ali A Suliman

(29. Jänner 2026) Das Interview wurde von VIDC-Mitarbeiter David Gamsjäger im Rahmen des VIDC Gender-TANDEM-Trainings für Geflüchtete vor der aktuellen Eskalation in Syrien mit Ahmad Allkoud und Oula Khattab, beides Trainer*innen im VIDC Gender-TANDEM-Projekt geführt. Ahmad Allkoud ist Trainer des Programms sowie Experte im Bereich FinTech und Impact Measurement. Oula Khattab ist Trainerin des Programms, Juristin und Feministin.

Der politische Wandel in Syrien kam aus Syrien selbst heraus und nicht durch westliche Truppen, die – wie etwa die USA in Afghanistan – behaupteten, „Freiheit“ und „Demokratie“ bringen zu wollen. Welche Bedeutung hat das Ihrer Meinung nach für eine nachhaltige und friedliche Lösung?

Allkoud: Sie haben recht, der Ursprung des Wandels ist entscheidend. Die Tatsache, dass dieser Wandel von Syrer*innen selbst getragen wurde, verschafft der neuen Führung eine Art „Souveränitätskarte“, über die keine westlich gestützte Regierung je verfügen würde. Das verleiht ihr eine besondere Form von Legitimität. Gleichzeitig dürfen wir nicht unrealistisch oder naiv sein: Auch wenn die Kraft vor Ort syrisch war, war die Gelegenheit vor allem geopolitisch bedingt. Das Regime ist nicht allein aufgrund unserer Stärke gefallen, sondern weil es von seinen externen Unterstützern fallen gelassen wurde. Ob aus Ablenkung oder durch einen Hinterzimmer-Deal – die internationalen Mächte haben letztlich den Schutzschirm aufgehoben, der das Regime jahrelang am Leben gehalten hatte. Das bedeutet, dass die neue Führung auf einem schmalen Grat wandelt. Sie besitzt eine gewisse innere Legitimität, weiß aber zugleich, dass ihr Überleben weiterhin davon abhängt, genau jene externen Akteure auszubalancieren, die ihr die Machtübernahme ermöglicht haben. Eine nachhaltige Lösung erfordert nun, dass die Welt von Intervention zu transaktionaler Unterstützung übergeht: beim Wiederaufbau zu helfen, diese Hilfe jedoch an echte Stabilität und Rechte zu knüpfen.

Khattab: Was heute in Syrien geschieht, kann nicht nur als politischer Wandel oder als Neuordnung der Macht gelesen werden, sondern als eine entscheidende Phase, in der erneut der Stellenwert des Menschen – insbesondere der Frau – innerhalb des neuen politischen Projekts auf die Probe gestellt wird. Syrische Frauen waren in allen Phasen des Konflikts präsent: bei den Protesten, in der humanitären Hilfe, in der Dokumentation von Verbrechen, im Durchhalten in Häusern und Flüchtlingslagern sowie beim Tragen der Lasten der Familie und des täglichen Überlebens. Dennoch besteht – wie in vielen anderen internationalen Erfahrungen – die reale Gefahr, dass Frauen mit dem Übergang zur „offiziellen Politik“ erneut marginalisiert werden. Aus meiner Sicht ist der Wandel von innen zugleich Chance und Risiko. Dass der politische Wandel aus dem Inneren Syriens kommt, wird oft als positiver Faktor betrachtet. Aus feministischer Perspektive wirft dies jedoch eine zusätzliche Frage auf: Wer ist dieses „Innen“, das diesen Wandel gestaltet? Wenn das „Innen“ auf militärische oder politische, männlich dominierte Eliten reduziert wird, die die traditionelle Machtpyramide reproduzieren, bleibt der Wandel – so „national“ er auch sein mag – ausgrenzend. Echte Legitimität bemisst sich nicht allein an der Abwesenheit ausländischer Truppen, sondern daran, inwieweit Frauen und marginalisierte Gruppen an Entscheidungsprozessen beteiligt sind.

In politischen Analysen ist oft davon die Rede, dass nach dem Ende eines (Bürger-)Krieges das Hauptziel die Vereinigung des Landes sei. Was würde „Einheit“ im Fall Syriens mit seinen vielen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, Religionen und Ethnien bedeuten? Halten Sie eine solche Einheit für realistisch? Und um welche (politische) Idee sollte sich diese Einheit drehen?

Khattab: Ich stehe für Einheit gegen Gleichschaltung – und für Gerechtigkeit. Gesellschaften, die aus einem Krieg hervorgehen, wird oft „Einheit“ abverlangt. Frauen wissen jedoch aus Erfahrung, dass eine Einheit, die auf Schweigen und Unterdrückung basiert, keine echte Einheit ist, sondern die Fortsetzung von Gewalt mit anderen Mitteln. Aus feministischer Sicht bedeutet Einheit in Syrien nicht: das Unterdrücken unterschiedlicher Stimmen, das Ignorieren von Menschenrechtsverletzungen im Namen des „öffentlichen Interesses“, oder die Reproduktion eines patriarchalen, zentralistischen Staates. Vielmehr bedeutet sie: die Anerkennung von Vielfalt (ethnisch, religiös, geschlechtlich), Gleichheit in der Staatsbürger*innenschaft, und die Garantie individueller Rechte, insbesondere für Frauen. Die Syrer*innen können sich nicht um eine einzige Identität oder einen autoritären Diskurs vereinen, sondern um die Idee von Gerechtigkeit, Würde und freier Wahl.

Allkoud: Die Version von „Einheit“ des alten Regimes war in Wahrheit bloß „Gleichförmigkeit“ – alle mussten sich gleich verhalten, um zu überleben. Das ist heute nicht mehr realistisch. Meine Einschätzung ist: Wir müssen pragmatisch sein. „Einheit“ sollte derzeit nicht bedeuten, dass alle einander lieben – die Wunden sind dafür zu tief. Stattdessen brauchen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag auf Basis von Staatsbürger*innenschaft (Muwatanah). Das ist der einzige Weg nach vorne, ohne dass eine Gruppe die anderen dominiert. Über Jahrzehnte hinweg stellte sich das Regime als „Beschützer der Minderheiten“ dar und überzeugte Alawit*innen, Christ*innen und Drus*innen davon, dass sie ohne die Diktatur von der Mehrheit vernichtet würden. Um dieses Narrativ zu überwinden, muss Staatsbürger*innenschaft zu unserer „Versicherungspolizze“ werden. Sie muss garantieren, dass deine Sicherheit vom Gesetz abhängt – nicht von deiner Konfession (Ta’ifa) oder deinen Beziehungen (Wasta). Ein echter Gesellschaftsvertrag bedeutet, dass ein Kurde im Nordosten, ein Druse im Süden und ein Sunnit in Damaskus exakt denselben Regeln unterliegen. Er führt uns weg von einem System der „Kriegsbeute“, in dem der Sieger alles bekommt, hin zu einem System garantierter Rechte, in dem eine Wahlniederlage nicht den Verlust von Sicherheit oder Eigentum bedeutet. Wir müssen das in unseren eigenen Werten verankern. Wir haben tief verwurzelte Traditionen wie „Fazah“ (einander zu Hilfe eilen) und „Nakhwah“ (Pflichtgefühl). Diese Konzepte müssen wir erweitern. Aktive Staatsbürger*innenschaft heißt, zu erkennen, dass der Schutz der Rechte einer Nachbarin oder eines Nachbarn anderer Religion eine moderne Form von „Nakhwah“ ist. Wenn wir Gleichheit als moralische Pflicht und nicht nur als westlichen politischen Begriff begreifen, werden die Menschen bereit sein, sie zu verteidigen.
 

Welche Rolle spielen Menschen in der Diaspora Ihrer Meinung nach für Syriens Zukunft?

Khattab: Ich verstehe uns als eine Art grenzüberschreitende feministische Stimme. Syrische Frauen in der Diaspora spielen eine sensible Rolle: Sie sind Zeuginnen der Erfahrung, Trägerinnen rechtlichen, politischen und menschenrechtlichen Wissens sowie eine Brücke zwischen dem Inneren Syriens und der Welt. Gleichzeitig warne ich stets davor, die Bevormundung der Macht durch eine Bevormundung von Eliten im Ausland zu ersetzen. Die feministische Rolle der Diaspora sollte solidarisch, kritisch und unterstützend gegenüber dem Inneren sein – nicht an seiner Stelle sprechen. Genau das versuche ich persönlich durch meine wiederholten Besuche in Syrien und durch mein Leben hier in Österreich umzusetzen.

Allkoud: Die Diaspora ist Syriens „Plan B“. Wir sind die strategische Reserve. Praktisch gesehen ist die Diaspora die wirtschaftliche Lebensader; Rücküberweisungen halten viele Familien überhaupt am Leben. Politisch sind wir jedoch das Gewissen. Jene von uns, die in Demokratien leben, haben gesehen, wie Institutionen funktionieren sollten. Wir können als Brücke fungieren, technisches Know-how und Investitionen nach Syrien zurückbringen – aber nur, wenn wir sehen, dass die neue Regierung es mit Rechtsstaatlichkeit ernst meint. Ich sehe uns als Barometer: Wenn man sieht, dass die Diaspora tatsächlich beginnt, ihre Koffer zu packen und zurückzukehren, dann weiß man, dass sich das Land in die richtige Richtung entwickelt.

Aus meiner persönlichen, sehr begrenzten, Perspektive scheint es, als habe al-Sharaa auf internationaler Ebene bisher [Dezember 2025, Anm.] größere Fehler vermieden, was angesichts der vielen Akteure mit sehr unterschiedlichen Interessen bemerkenswert ist. Lassen wir die internationale Ebene beiseite: An welchen Faktoren und Kriterien wird sich zeigen, ob al-Sharaa ein guter Präsident für die Syrer*innen ist oder war?

Allkoud: Sie haben richtig beobachtet, dass al-Sharaa international Fehler vermieden hat. Er hat sich als disziplinierter Stratege erwiesen und den Wandel vom Milizenführer (als al-Julani) zur politischen Figur erfolgreich vollzogen. Doch internationale Fehler zu vermeiden ist nicht dasselbe wie ein Land aufzubauen.
Für mich liegt der Test darin, ob er den Übergang vom Warlord zum Staatsmann schafft. Kann er wirklich Institutionen aufbauen, die größer sind als er selbst? Wenn Gerichte und Polizei letztlich nur ihm gegenüber verantwortlich sind, hat sich nichts geändert – dann haben wir lediglich einen Diktator gegen einen anderen ausgetauscht.
Wir wissen, dass er seine eigene Basis führen kann. Die eigentliche Bewährungsprobe ist, ob er die Minderheiten schützen kann, die ihn am meisten fürchten. Wenn sich Alawit*innen, Drus*innen und Christ*innen unter seiner Herrschaft sicher fühlen, dann wird er Erfolg gehabt haben.

Ein guter Präsident ist heute jemand, der Elektrizität, Brot und Schulen höher priorisiert als religiöse Ideologie. Wenn er als Technokrat regiert, der unsere konservative Kultur respektiert, aber persönliche Freiheiten schützt, wird er die Menschen für sich gewinnen.

Khattab: Zur neuen Macht: Was beobachten wir als Frauen? Abseits der internationalen Selbstdarstellung bewerten Frauen jede neue Autorität anhand sehr konkreter Fragen: Wird es echte Räume für die politische Beteiligung von Frauen geben? Wird ernsthaft mit den Fällen von Inhaftierten und Verschwundenen umgegangen? Werden persönliche Freiheiten geschützt oder gegen vermeintliche Sicherheit eingetauscht? Wird die Zivilgesellschaft frei arbeiten dürfen? Aus meiner Sicht ist ein „guter Präsident“ nicht jemand, der internationale Rhetorik beherrscht, sondern jemand, der die Struktur der Angst abbaut, systematische Gewalt begrenzt, und den Menschen – insbesondere Frauen – das Gefühl von Kontrolle über ihr eigenes Leben zurückgibt.

Was bedeutet „Frieden“ für Sie?

Khattab: Frieden ist nicht das Ende der Kämpfe und nicht das Bild politischen Händeschüttelns. Frieden bedeutet: dass eine Frau nicht in ständiger Angst lebt, dass ihr Körper nicht als Schlachtfeld missbraucht wird, dass sie Entscheidungsrechte hat und nicht nur die Rolle der Opfernden. Frieden ist: Gerechtigkeit plus Rechenschaft plus alltägliche Sicherheit plus Zukunftsaussichten. Ohne all das bleibt „Frieden“ lediglich ein Waffenstillstand auf Kosten der Schwächsten.

Allkoud: Ehrlich gesagt: Wenn Sie mich als politischen Analysten nach Frieden fragen, halte ich Ihnen einen Vortrag über „regionale Stabilität“ und über „negativen Frieden“ versus „nachhaltigen Frieden“. Ich kann darüber sprechen, dass Israel eine ruhige Grenze will und die Nachbarstaaten Eindämmung. Und ja, das alles stimmt. Wir stecken derzeit im „negativen Frieden“, was nur ein schicker Ausdruck dafür ist, dass kaum noch geschossen wird, wir aber weiterhin miserabel leben.
Aber wenn Sie mich persönlich fragen? Frieden ist langweilig. Das ist mein Traum: langweiliger Frieden. Frieden bedeutet, morgens aufzuwachen und den Wetterbericht zu checken statt den Wechselkurs. Es bedeutet, einen Pass zu haben, bei dem Sicherheitsbeamte am Flughafen nicht schauen, als würde man eine Bombe mit sich tragen. Es bedeutet, über Sport oder Verkehr zu streiten statt darüber, wer das Recht hat zu existieren. Frieden ist, wenn „nachhaltiger Frieden“ kein Workshop-Thema mehr ist, sondern einfach … Leben. Wenn die einzige „Sicherheitsgenehmigung“, die man braucht, für einen Parkplatz ist – und nicht für das Überqueren eines Checkpoints, um Brot zu kaufen. Das ist der einzige Frieden, der für mich zählt.

Zum Abschluss: Gibt es noch etwas, das Sie gerne teilen möchten?

Khattab: Die syrische Gegenwart ist nicht nur ein Moment des Staatsaufbaus, sondern ein Moment der Neudefinition dessen, wer als vollwertiger Bürger und als vollwertige Bürgerin gilt. Wenn Frauen nicht Teil dieses Prozesses sind, bleibt jeder Wandel unvollständig – unabhängig davon, wie groß seine Parolen auch sein mögen.

Allkoud: Ein entscheidendes Thema, das oft übersehen wird, ist das, was ich den „unsichtbaren Wiederaufbau“ nenne. Wir sprechen viel über den Wiederaufbau von Brücken, Schulen und Kraftwerken, vergessen aber oft den Wiederaufbau der Menschen. Es gibt eine ganze Generation von Kindern, die keinen einzigen Tag in Frieden erlebt hat, und Millionen von Erwachsenen, die schwere, unbehandelte Traumata (PTBS) durch Folter, Beschuss und Verlust mit sich tragen. Wenn wir diese psychische Gesundheitskrise nicht angehen, wird die Gewalt irgendwann zurückkehren – egal, wer an der Macht ist. Ein Gebäude kann man in einem Monat reparieren, einen Geist zu heilen dauert Jahre. Wahre Erholung bedeutet, genauso in psychosoziale Unterstützung zu investieren wie in Zement.
Am Ende sind wir es leid, nur zu überleben. Wir wollen wieder anfangen zu leben. Wir wissen, dass der Weg vor uns lang und voller Risiken ist, aber zum ersten Mal seit Langem haben wir das Gefühl, dass wir uns endlich in die richtige Richtung bewegen. Wir hoffen nur, dass die Welt mit uns geht – statt sich abzuwenden.

Danke für das Interview. 

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