Diesen Text begann ich auf dem Weg zu einer Beerdigung zu schreiben. Meine Tante war an Krebs gestorben. Jahrelang war sie von Qamischli im Nordosten Syriens nach Damaskus gereist, um sich behandeln zu lassen. Jede Fahrt wurde beschwerlicher als die vorherige. Dennoch setzte sie die Reisen fort – weil ihr keine andere Wahl blieb.
Für viele Menschen im Nordosten Syriens ist dieser Weg Alltag. Krebspatienten, Studierende und Familien legen regelmäßig Hunderte Kilometer zurück, um Zugang zu Leistungen zu erhalten, die andernorts selbstverständlich sind. Nach den Überschwemmungen des Euphrat überqueren Reisende den Fluss bei Deir ez-Zor oft mit kleinen Fähren, bevor sie ihre Fahrt durch ein Land fortsetzen, das noch immer von den Folgen von Krieg und politischer Zersplitterung geprägt ist.
Was wie eine persönliche Geschichte erscheint, verweist auf ein strukturelles Problem.
Der Nordosten Syriens ist seit Jahrzehnten von politischer und wirtschaftlicher Vernachlässigung betroffen. Besonders einschneidend war die Sonderzählung von 1962, durch die Zehntausende Kurden ihre syrische Staatsbürgerschaft verloren. Viele wurden staatenlos; ihre Nachkommen erbten diesen Status. Der Zugang zu Bildung, Beschäftigung, Eigentum und staatlichen Dienstleistungen blieb eingeschränkt. Gleichzeitig wurden kurdische Sprache und Kultur systematisch unterdrückt.
Während staatliche Investitionen und Entwicklungsprojekte überwiegend anderen Landesteilen zugutekamen, blieb der Nordosten trotz seiner landwirtschaftlichen Ressourcen und Ölvorkommen infrastrukturell unterentwickelt. Das Gesundheitssystem wurde zu einem sichtbaren Ausdruck dieser Ungleichheit. Lange vor Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs im Jahr 2011 mussten Menschen aus der Region für spezialisierte Behandlungen in andere Landesteile reisen.
Der Krieg verschärfte diese Missstände. Krankenhäuser wurden zerstört oder beschädigt, medizinisches Fachpersonal verließ das Land, und der wirtschaftliche Zusammenbruch setzte das ohnehin fragile Gesundheitssystem zusätzlich unter Druck. Lokale Verwaltungen, Hilfsorganisationen und medizinische Einrichtungen kämpften vielerorts darum, selbst die grundlegende Versorgung aufrechtzuerhalten.
Als ich 2025, nach dem Sturz der Assad-Regierung, über diese Entwicklungen schrieb, war die politische Zukunft Nordostsyriens weiterhin ungewiss. Inzwischen hat sich die Lage verändert. Neue Vereinbarungen zwischen Damaskus und den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) sollen die Zusammenarbeit verbessern und staatliche Institutionen schrittweise integrieren. Zugleich wurden Maßnahmen angekündigt, die den rechtlichen Status ehemals staatenloser Kurden klären sollen – ein Schritt, den viele als längst überfällige Anerkennung grundlegender Rechte begrüßen.
Doch Gespräche in Qamischli zeigen, dass die Hoffnungen von Unsicherheit begleitet werden.
Die Kämpfe sind deutlich zurückgegangen, die Fragen geblieben. Werden lokale Institutionen fortbestehen? Wird Unterricht in kurdischer Sprache weiterhin möglich sein? Werden Regionen mit kurdischer Bevölkerungsmehrheit endlich die Investitionen erhalten, die ihnen seit Jahrzehnten fehlen? Und werden junge Menschen eine Perspektive finden, die sie in ihrer Heimat hält?
Während der Kriegsjahre ertrugen viele Bewohner des Nordostens Entbehrungen in der Überzeugung, an einer anderen Zukunft mitzuwirken. Trotz aller Unsicherheit gab es ein Gefühl von Richtung und Zweck. Heute beschreiben manche eine andere Stimmung: nicht nur Sorge, sondern auch ein Gefühl des Wartens. Die Vision, die viele Menschen durch schwierige Jahre getragen hat, erscheint weniger greifbar als zuvor.
Diese Unsicherheit spiegelt sich auch im Gesundheitswesen wider. Politische Vereinbarungen mögen die Beziehungen zwischen Damaskus und den SDF neu ordnen, doch die strukturellen Ungleichheiten des Alltags bestehen fort. Noch immer müssen Patienten weite Strecken zurücklegen, um Zugang zu spezialisierter medizinischer Versorgung zu erhalten.
Meine Tante erhielt in Qamischli kaum die Behandlung, die sie benötigte. Sie überquerte Flüsse, passierte Kontrollpunkte unterschiedlichster Konfliktparteien und legte immer wieder Hunderte Kilometer auf der Suche nach einer Chance zurück, länger zu leben. Irgendwann endeten diese Reisen.
Sie ist nicht mehr da. Die Fähre bleibt.
Tag für Tag steigen weiterhin Menschen mit Krankenakten, Rezepten und Hoffnung an Bord. Für sie wird sich der Erfolg des politischen Übergangs in Syrien nicht an Vereinbarungen oder Erklärungen messen lassen. Er wird sich daran zeigen, ob eine Frau, bei der in Qamischli Krebs diagnostiziert wird, die notwendige Behandlung in der Nähe ihres Wohnortes erhalten kann.
Solange dies nicht möglich ist, wird die Fähre nach Damaskus weiter Patienten befördern.

