Die Podiumsdiskussion „Faire Wirtschaftspartnerschaften schaffen – Österreichs Afrika-Strategie im Fokus“ fand am 7. Mai 2026 an der Diplomatischen Akademie Wien statt. Organisiert von der Arbeiterkammer Wien (AK Wien), dem Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) und dem Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation (VIDC), brachte die Veranstaltung Vertreter*innen aus Politik, Wissenschaft, Gewerkschaften, Diaspora-Unternehmensnetzwerken und entwicklungspolitischen Organisationen zusammen, um die geplante Afrika-Strategie Österreichs und die Zukunft der Zusammenarbeit zwischen Afrika und Europa zu diskutieren. Moderiert wurde die Diskussion von Miriam Mona Mukalazi (VIDC Global Dialogue), die die Veranstaltung als Teil einer laufenden Debatte darüber einordnete, was bereits funktioniere und wo Österreichs Afrika-Strategie weiterhin ungelöste Spannungen aufweise.
„Ein radikaler Neuanfang“

In ihren Eröffnungsworten argumentierten Valentin Wedl (AK Wien) und Marcus Strohmeier (ÖGB), dass Österreichs Verhältnis zu Afrika über die Betrachtung des Kontinents als Rohstoffquelle und Absatzmarkt für europäische Exporte hinausgehen müsse. Beide betonten die Bedeutung fairer wirtschaftlicher Kooperation, beruflicher Ausbildung, Besteuerung, sozialer Sicherungssysteme, von Arbeitsrechten sowie der Schaffung von Lebensbedingungen, die erzwungene Migration reduzieren.
Als Vertreter des österreichischen Außenministeriums bezeichnete Stefan Scholz die geplante Afrika-Strategie als „radikalen Neuanfang“ und erklärte, Österreich wolle von einem traditionellen Geber-Empfänger-Modell zu einer gegenseitig vorteilhaften Partnerschaft übergehen. Er betonte, dass die Strategie durch breite Konsultationen entwickelt werde und sich an der Agenda 2063 der Afrikanischen Union orientiere. Gleichzeitig ergänzte er Frieden und Sicherheit, Handel und Investitionen sowie Partnerschaften im Bereich erneuerbarer Energien als zentrale Inhalte der Strategie. Mit Verweis auf die Gespräche des Außenministeriums mit afrikanischen Regierungen und weiteren Stakeholdern betonte Scholz, dass nun all diese Kompetenzen in einer kohärenten gesamtgesellschaftlichen Afrika-Strategie gebündelt werden müssten.
Kritik am ungleichen Tausch

Joel Akhator Odigie stellte die auf Hilfsleistungen und Marktkräften basierenden Narrative entschieden in Frage. Entwicklungszusammenarbeit dürfe nicht als Wohltätigkeit verstanden werden, sondern müsse strukturelle Ungleichheiten adressieren und die Industrialisierung afrikanischer Staaten unterstützen. Mit Verweis auf die African Mining Vision betonte er, dass afrikanische Länder nicht bloß Rohstoffe exportieren, sondern eigene Industrien aufbauen und mehr Wertschöpfung vor Ort behalten wollen. Gleichzeitig warnte er davor, koloniale Strukturen unter neuen Begriffen fortzuschreiben.
Odigie führte diese Kritik weiter aus und argumentierte, dass Entwicklungsstrategien der breiten Bevölkerung zugutekommen müssten und nicht nur Eliten. Er kritisierte Wirtschaftsmodelle, die Profite über gesellschaftliches Wohlergehen stellen. Armut und soziale Ausgrenzung würden Unsicherheit und die Rekrutierung extremistischer Gruppen fördern, weshalb menschliche Sicherheit und sozioökonomisches Wohlergehen zentrale Bestandteile jeder ernsthaften Partnerschaft sein müssten.
Steuerpolitik und lokale Realitäten

Ruth Mirembe näherte sich der Diskussion aus einer Perspektive der Steuergerechtigkeit. Sie argumentierte, dass „Fairness“ im Steuerrecht schwer zu definieren sei, betonte jedoch, dass aus afrikanischer Perspektive Besteuerungsrechte dort verbleiben sollten, wo Gewinne und Einkommen tatsächlich entstehen. Mit Verweis auf Österreichs Steuerabkommen mit afrikanischen Staaten kritisierte sie bestehende Regelungen, bei denen Besteuerungsrechte auf Zins- und Lizenzeinkommen häufig bei wohlhabenderen Staaten verbleiben, in denen Unternehmen ihren Sitz haben, anstatt bei den afrikanischen Staaten, in denen die wirtschaftliche Wertschöpfung tatsächlich entsteht. Zugleich unterstrich sie, dass afrikanische Länder nicht als einheitlicher Markt behandelt werden könnten und Geschäftsmodelle an lokale Gegebenheiten und Nachfragestrukturen angepasst werden müssten, statt einfach aus Europa übertragen zu werden.
Anknüpfend an das Thema Besteuerung kritisierte Odigie, dass multinationale Unternehmen bislang häufig Steueroasen und andere Praktiken genutzt hätten, die afrikanische Staaten daran hindern, Bildungs-, Gesundheits- und Sozialschutzsysteme zu finanzieren, während gleichzeitig strukturelle sozioökonomische Ungleichheiten vertieft würden.
Diaspora-Unternehmer*innen und alternative Finanzflüsse

Michelle Amoakoh hob die wachsende Rolle von Diaspora-Unternehmer*innen und Investor*innen in grenzüberschreitender Zusammenarbeit hervor. Sie beschrieb Diaspora-Akteur*innen als „bridge builders“ und „trust brokers“ (dt.: Brückenbauer*innen und Vertrauensvermittler*innen), die europäische und afrikanische Wirtschaftsökosysteme miteinander verbinden können. Die Beispiele reichten von auf Überweisungen basierenden Lösungen im Gesundheitswesen bis hin zu nachhaltigen Konsumgütern und Kooperationen kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU).
Amoakoh betonte zudem die allgemeine wachsende Bedeutung von Geldüberweisungen (Remittances), die mittlerweile die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit nach Subsahara-Afrika übersteigen. Diese Finanzflüsse sollten öffentliche Entwicklungsfinanzierung jedoch nicht ersetzen, sondern durch Instrumente wie Diaspora-Investitionsstrukturen, Matching Grants und KMU-Finanzierung ergänzt werden. Werner Raza konzentrierte sich in seinem Beitrag auf die Verbindungen zwischen Handel und Migration. Er wandte sich gegen Versuche, die Afrika-Strategie hauptsächlich über Migrationskontrolle zu definieren, und verwies darauf, dass Migration aus afrikanischen Ländern nach Österreich vergleichsweise gering sei. Stattdessen müsse Mobilität im Zusammenhang mit Bildungsaustausch, beruflicher Ausbildung und Geschäftsreisen diskutiert werden.
Handels- und Mobilitätsbarrieren
Mit Verweis auf gescheiterte EU-Verhandlungen mit Tunesien erklärte Raza, dass liberalere Visasysteme für afrikanische Fachkräfte in Europa trotz ihrer Bedeutung für dienstleistungsbasierte Kooperation weiterhin politisch kaum durchsetzbar seien. Gleichzeitig betonte er, dass afrikanische Exporteure beim Zugang zu europäischen Märkten nach wie vor mit erheblichen technischen und regulatorischen Hürden konfrontiert seien. Europa dürfe sich daher nicht nur auf Exporte nach Afrika konzentrieren, sondern müsse auch afrikanische Importe nach Europa erleichtern.
Grundlegende Spannungen und Forderungen
Die Rolle Chinas in Afrika zog sich als wiederkehrendes Thema durch die Veranstaltung. Odigie kritisierte, was er als Annäherung der EU an ein „copycat-like Chinese model“ (dt.: ein Nachahmer-Modell von China) im Rahmen von Initiativen wie dem Global Gateway bezeichnete. Er warnte davor, dass solche Projekte ähnliche extraktive Dynamiken reproduzieren könnten, wenn sie Ressourceninteressen und private Investitionen über strukturelle Transformation und öffentliche Wohlfahrt stellen. Gleichzeitig betonten mehrere Sprecher*innen, dass Afrikas Beziehungen zu China auch Ausdruck der Fähigkeit des Kontinents seien, Partnerschaften in einer multipolaren Welt zu diversifizieren.
Diese Debatten überschnitten sich immer wieder mit Fragen kolonialer Kontinuitäten und historischer Verantwortung. Mit Verweis auf Österreichs Enthaltung bei einer jüngsten UN-Abstimmung zur Anerkennung des transatlantischen Sklavenhandels als Verbrechen gegen die Menschlichkeit fragte ein Publikumsmitglied, wie eine echte Partnerschaft möglich sein solle, ohne Europas historische Rolle bei der Entstehung struktureller Ungleichheiten anzuerkennen. Während der gesamten Diskussion blieb die Sorge vor einer möglichen Reproduktion kolonialer und extraktiver Beziehungen ein wiederkehrender Spannungsfaktor.
Zentrale Forderungen
Gemeinsam formulierten Podiumsgäste und Publikum eine Reihe von Forderungen und offenen Fragen zur zukünftigen Ausrichtung der Beziehungen zwischen Österreich und Afrika:
• Partnerschaften auf Augenhöhe statt extraktiver Wirtschaftsbeziehungen
• stärkere Arbeitsrechte, Besteuerung und soziale Sicherungssysteme
• Industrialisierung und lokale Wertschöpfung statt Rohstoffabhängigkeit
• fairerer Zugang zu europäischen Märkten und mehr Mobilitätsmöglichkeiten
• stärkere Einbindung afrikanischer Zivilgesellschaft und Diaspora-Organisationen
• Entwicklungsmodelle, die öffentliche Wohlfahrt statt Profit in den Mittelpunkt stellen
• langfristige Verantwortlichkeit und messbare Umsetzung der Afrika-Strategie













