Am 7. Mai 2026 diskutierte Michelle Amoakoh (AiDiA) bei einer VIDC Veranstaltung in Kooperation mit der AK Wien und dem ÖGB über die Rolle der afrikanischen Diaspora als wirtschaftliche und politische Brücke zwischen Europa und Afrika. Im Interview mit Michael Fanizadeh erklärt sie, wie AiDiA durch Pitch-Events, Netzwerke und Beratung faire Partnerschaften fördert – und warum die Diaspora als Trustbroker und Innovationsmotor unverzichtbar ist.
Michael Fanizadeh: AiDiA ist eine 2020 gegründete Diaspora-Organisation an der Schnittstelle von Unternehmertum, Innovation und interkultureller Expertise. Wie können wir uns die konkrete Arbeit vorstellen?

Michelle Amoakoh: Die Organisation wurde ursprünglich als Business Empowerment Hub gegründet. Die Kernidee war klar: Wir wollen das wirtschaftliche und kulturelle Kapital der afrikanischen Diaspora in den Mittelpunkt unserer Arbeit stellen. Daraus entstand der AiDiA Afrodeutscher Startup Pitch als unser Flagship-Format mit viel Aufsehen und Medienpräsenz, der Gründer*innen eine Bühne bietet, mit Zugang zu Sichtbarkeit, finanziellen Ressourcen und vor allem zu Netzwerken, um ihre unternehmerischen Ideen voranzubringen. Das Konzept kam extrem gut an – sowohl in der Community als auch darüber hinaus. In den letzten Jahren nahmen pro Event etwa 500 Gäste und über 100 Partnerorganisationen teil. Zudem gab es rund 300 Bewerbungen für den Pitch sowie ein Preisgeld von 53.000 € pro Event. In den mittlerweile fast sechs Jahren ist daraus eine etablierte Organisation mit über 30 Teammitgliedern bestehend aus Berater*innen, Tech- und Marketing-Expert*innen und Finanzfachleuten gewachsen, die sich mit verschiedenen Themenfeldern rund um Unternehmertum, wirtschaftliche Teilhabe, Innovation und Diaspora-Engagement beschäftigt.
Mit AiDiA Africa haben wir zusätzlich eine Einheit geschaffen, die sich explizit mit dem transkontinentalen Potenzial der Diaspora auseinandersetzt. Wir bewegen uns dabei in einem relativ neuen Politikfeld und setzen uns dafür ein, die Diaspora nicht nur als Zielgruppe oder Community zu verstehen, sondern als strategische Partnerin in der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Zusammenarbeit, sowohl mit afrikanischen Ländern als auch innerhalb von Ländern wie Deutschland oder Österreich. Uns geht es darum, faire Partnerschaften auf Augenhöhe zu gestalten. Der AiDiA-Pitch findet dieses Jahr als Business & Culture Festival über zwei Tage hinweg statt. Der nächste Termin ist am 4. und 5. September in Hamburg.
Was können wir uns unter diesem Event vorstellen?
Der AiDiA Pitch ist mittlerweile deutlich mehr als ein klassischer Wettbewerb. Er bringt jährlich afrodiasporische Gründer*innen und Investor*innen, Unternehmen, Partnerorganisationen und die Community zusammen. Von Anfang an haben wir rund um den Pitch auch begleitende Formate entwickelt, um den unterschiedlichen Themen und Erfordernissen der Gründer*innen gerecht zu werden. Dazu gehören zum Beispiel Workshops, Panels und Netzwerkformate mit Partnerorganisationen aus Wirtschaft, Startup-Ökosystem und Community. Einige dieser Formate finden im direkten Vorfeld des Events statt, etwa im Rahmen der AiDiA Pre-Week. Andere laufen über das Jahr verteilt in unterschiedlichen Programmen und Kooperationen. So ist AiDiA heute nicht nur ein Event, sondern eine Plattform.
Den AiDiA Pitch selbst haben wir in diesem Jahr zu einem zweitägigen Event weiterentwickelt. Am ersten Tag findet eine Konferenz statt und am zweiten Tag folgt dann das große Pitch-Finale vor Jury, Investor*innen und Publikum. Wichtig ist uns dabei, unterschiedliche Gründungsphasen abzubilden: mit einem Pitch für sehr frühe Ideen und einem Gründer*innenpitch für Startups, die bereits weiterentwickelt sind.
Warum ist es deiner Meinung nach wichtig, dass die Kompetenzen der Diaspora für Entrepreneurship und wirtschaftliche Zusammenarbeit genutzt werden?
Wir sehen, dass Innovation und Unternehmertum längst nicht mehr nur innerhalb nationaler Grenzen entstehen. Denn gerade zwischen Europa und afrikanischen Märkten gibt es viele transkontinentale Potenziale, die in beide Richtungen wirken. Die Diaspora spielt dabei insofern eine besondere Rolle, weil sie häufig unterschiedliche Perspektiven, Netzwerke und Markterfahrungen miteinander verbindet. Und für wirtschaftliche Zusammenarbeit ist das enorm wertvoll. Wer unternehmerische Aktivitäten aufbauen will, braucht mehr als nur Marktinformationen. Es braucht Vertrauen, Zugang zu relevanten Netzwerken oder kulturelle Übersetzungsfähigkeit.
Natürlich gibt es etablierte Strukturen wie Außenhandelskammern, die wir nicht ersetzen wollen. Aber was wir einbringen, ist eine stärker community- und innovationsnahe Sicht. Wir helfen Partner*innen auf beiden Kontinenten, mit der Diaspora in Kontakt zu kommen und ihre Vorhaben weiterzuentwickeln – das gilt für den privaten wie für den öffentlichen Sektor.
Ihr seid also gewissermaßen eine Brücke für wirtschaftliches Handeln?
Genau. Oft ist es einfach besser, Dinge erlebbar zu machen – und das tun wir nicht nur über den Pitch. Mittlerweile haben wir verschiedene Formate entwickelt, etwa für junge Leute zwischen 16 und 23 Jahren. Zudem widmen wir uns Themen wie Social Entrepreneurship oder Tech Innovationen, da diese Businessmodelle oft andere Herausforderungen mit sich bringen. Mit unserer Reihe „THRST. Where Business Grows & Culture Flows“ – einem monatlichen Netzwerk-Event – behandeln wir ganz unterschiedliche Themen.
AiDiA Africa klingt nach der operativen Brücke in der Praxis. Wie kann man sich das vorstellen? Wenden sich zum Beispiel deutsche Unternehmen oder Diaspora-Unternehmer*innen an AiDiA Africa, wenn sie aktiv werden möchten?
Ja, genau, eine Brücke in beide Richtungen. Ein gutes Beispiel ist ein afrikanisches Unternehmen, das sein Produkt nach Deutschland bringen möchte. Dann geht es nicht nur darum, einen Markt “zu betreten”, sondern zu verstehen welche Partner*innen gibt es vor Ort, wie funktionieren Vertriebskanäle, welche Standards oder Regularien müssen erfüllt sein. Umgekehrt sind es auch deutsche Unternehmen, die Potenziale erschließen oder interkulturelle Herausforderungen meistern wollen. Ghana ist beispielsweise ein Land mit starkem Wachstum und einer großen, weltweit vernetzten Diaspora. Wer dort ein Produkt einführen möchte, muss verstehen, wie der Markt funktioniert. Um ein Produkt an die richtige Zielgruppe zu bringen, braucht es ggf. andere Vertriebswege als bisher bekannt. Hier kann die Diaspora unterstützen, sei es in Beratungsfunktion oder auch in diplomatischer oder politischer Rolle.
Wie kann die afrikanische Diaspora deutsche Interessen vertreten und mitgestalten, um Partnerschaften auf Augenhöhe zu fördern?
Das ist eine spannende Frage, besonders vor dem Hintergrund, dass Wirtschaftsbeziehungen mit afrikanischen Ländern gerade neu definiert werden. Ich würde es jedoch nicht so formulieren, dass die Diaspora deutsche Interessen einfach vertritt. Entscheidend ist eher, dass sie diese Interessen mitgestaltet. Denn Partnerschaften auf Augenhöhe entstehen nicht dadurch, dass eine Seite ihre Agenda besser erklärt, sondern dadurch, dass unterschiedliche Perspektiven frühzeitig einbezogen werden. Für mich geht es dabei um eine Art strategische Übersetzungsfunktion. Die Diaspora kann vermitteln, aber auch kritisch spiegeln. Sie kann deutsche Unternehmen oder Institutionen dabei unterstützen, ihre Vorhaben so zu entwickeln, dass sie nicht nur aus deutscher Sicht sinnvoll sind, sondern auch für Partner*innen auf dem afrikanischen Kontinent echten Mehrwert schaffen. Genau das ist aus meiner Sicht der Kern von Partnerschaft auf Augenhöhe: nicht erst am Ende eine*n afrikanischen Partner*in oder die Diaspora dazuholen, sondern von Anfang an in die Gestaltung von Strategien, Programmen und wirtschaftlichen Beziehungen einbinden. In Österreich ist diese Erkenntnis bei einigen Akteur*innen angekommen, aber die Rolle der Diaspora als wichtiger Akteur für den Aufbau neuer Strukturen wird noch zu wenig berücksichtigt. Auch in Deutschland ist der Prozess im Gange.
Was wäre für dich eine faire Partnerschaft?
Uns geht es in erster Linie darum, einen strukturierten Prozess anzustoßen, in dem Diaspora-Organisationen, Politik, Wirtschaft und bestehende Institutionen besser miteinander arbeiten können. Das muss nicht sofort eine feste Struktur sein. Wichtig ist erstmal, gemeinsame Lernprozesse, Austauschformate und konkrete Pilotprojekte zu entwickeln. Dabei geht es auch nicht nur um die afrikanische Diaspora. Viele Fragen betreffen Diaspora-Organisationen insgesamt: Wie werden Kompetenzen sichtbar? Wie werden Organisationen professionell eingebunden? Und wie stellen wir sicher, dass Beteiligung nicht nur symbolisch bleibt?
Viele Diaspora-Organisationen waren lange vor allem kulturell oder sozial ausgerichtet. Jetzt sehen wir, dass wirtschaftliche Themen, Unternehmertum und internationale Zusammenarbeit stärker dazukommen. Das ist ein Prozess, der natürlich Zeit braucht
Warum sollten afrikanische Akteure mit Österreich zusammenarbeiten wollen? Müssten Länder wie Österreich nicht zunächst viel in Vertrauensbildung investieren?
Das ist eine Frage, die sich nicht nur Österreich, sondern alle europäischen Länder stellen müssen. Es geht darum, von einer entwicklungszentrierten Perspektive zu einer wirtschaftlichen Partnerschaft auf Augenhöhe überzugehen. Hier kann die Diaspora als „Trustbroker“ fungieren – sie vermittelt zwischen den Interessen und setzt Diplomatie ein, um langfristige Partnerschaften aufzubauen.
Aber die Frage, warum afrikanische Länder mit Europa zusammenarbeiten sollten, erfordert klare und überzeugende Antworten. Diese müssen noch erarbeitet werden. Es ist spannend, Teil dieses Prozesses zu sein. Ich glaube, ein guter erster Schritt für Österreich wäre, die Diaspora nicht nur mitzudenken, sondern aktiv einzubinden, insbesondere wenn es um die entwicklung einer österreichischen Afrikastrategie geht.

