Am 25. März 2026 veranstaltete das VIDC eine Podiumsdiskussion zu den politischen Entwicklungen in Syrien seit dem Sturz des Assad-Regimes. Die Veranstaltung fand in der Diplomatischen Akademie Wien statt und brachte Aktivist*innen sowie Expert*innen zusammen, um die Situation im Land ein Jahr nach dem Umbruch zu analysieren.
Unter der Moderation von Viola Raheb, diskutierten Zozan Alloush, unabhängige politische und humanitäre Beraterin mit Schwerpunkt auf Konflikttransformation und Frauenförderung, Ahmad Helmi, Aktivist und Überlebender von Haft und Folter sowie Gründer der TA’AFI-Initiative, und André Bank, Senior Research Fellow am GIGA Institut für Nahost-Studien.

Ein Jahr nach dem Sturz des Diktators in Syrien stand nicht nur die Frage im Raum, was sich politisch und gesellschaftlich verändert hat, sondern vor allem, ob Syrien tatsächlich die Chance hat, sich neu zu erfinden. Die Diskussion griff genau diese Leitfrage auf und setzte den Fokus auf die Herausforderung, eine neue Gesellschaft jenseits von Autoritarismus und Konflikten zu bauen. Denn der Krieg zerstörte nicht nur Gebäude und Infrastruktur des Landes, sondern hinterließ tiefe und schmerzhafte Spuren in der syrischen Gesellschaft. Für einen erfolgreichen Transformationsprozess braucht es insbesondere politischen Reformwillen, inklusive Strukturen und funktionierende Mechanismen der Übergangsjustiz, ergänzt durch verantwortungsvolle internationale Unterstützung.
André Bank eröffnete die Diskussion mit einem Überblick über die zentralen politischen Entwicklungen im Jahr 2025 seit dem Sturz des Assad-Regimes. Er skizzierte die wichtigsten Ereignisse der ersten Etappe der Übergangsphase, die von der Übergangsregierung auf fünf Jahre festgelegt wurde: Darunter die Aufhebung der Sanktionen, die Verabschiedung der neuen Verfassungserklärung, die indirekte Wahl von Parlamentsabgeordneten sowie die Einrichtung zweier Kommissionen zu Übergangsjustiz und vermissten Personen. Das Parlament selbst sei jedoch bis heute nicht konstituiert.
Zugleich verwies er auf anhaltende Gewalt und dokumentierte Verbrechen etwa gegen alawitische und drusische Minderheiten. Und betonte die Gefahr, dass unterschiedliche Minderheiten sich einen ausländischen „Beschützer“ suchen könnten, was wiederum zu einem erneuten Ausbruch des Bürgerkriegs führen könnte. Trotz dieser Entwicklungen bewertete er die Lage im historischen Kontext als vergleichsweise stabil: Nach über 50 Jahren Diktatur und 14 Jahren internationalisiertem Bürgerkrieg erscheine die derzeitige Situation „gar nicht so schlecht“ im Lichte, was hätte passieren können.
Die syrische Zivilgesellschaft war seit 2011 noch nie so allein wie jetzt

Mit Blick auf die regionale Dynamik warnte er jedoch vor neuen Risiken. Der US-israelische Krieg gegen Iran sowie iranische Angriffe auf die Golfstaaten könnten die wirtschaftliche Lage Syriens - die immer noch fragil ist - weiter verschärfen, da potenzielle Investor*innen ihre finanziellen Mittel verstärkt in den eigenen Ländern halten würden.
Laut Bank hänge die Frage eines demokratischen Wandels maßgeblich vom politischen Willen der syrischen Bevölkerung ab, die zwar über eine aktive und kompetente Zivilgesellschaft verfüge, jedoch unter mangelnder internationaler Unterstützung leide. „Die syrische Zivilgesellschaft war seit 2011 noch nie so allein wie jetzt“, betonte er.
Zozan Alloush hob hervor, dass internationale Unterstützung für Syrien nicht bedingungslos erfolgen darf. Europäische Geber*innen sollten ihre finanzielle Hilfe stärker an demokratische Reformen und Transparenz knüpfen, um nachhaltige Entwicklungen zu fördern. Gleichzeitig liege es auch im Interesse der Europäischen Union, zur Stabilisierung Syriens beizutragen – nicht zuletzt im Hinblick auf mögliche Rückkehrperspektiven für Geflüchtete.
Ein weiterer Schwerpunkt ihres Beitrags war die kurdische Frage. Alloush betonte, dass im vergangenen Jahr zahlreiche politische Fehlentscheidungen von beiden Seiten, der Übergangsregierung und kurdischen Vertreter*innen, getroffen worden seien, die Menschenleben gekostet haben. Daraus müsse gelernt werden, um zukünftige Eskalationen zu vermeiden.
Sie verwies auf ein aktuelles Abkommen zwischen den Syrian Democratic Forces (SDF) und der syrischen Zentralregierung, das die vollständige Integration der kurdisch geführten Streitkräfte im Nordosten Syriens in die nationale Armee vorsieht. Dieses werde von dem beteiligten Akteur*innen grundsätzlich positiv bewertet. Es könnte vor allem das Ende der Spaltung zwischen Kurden und Araber bedeuten und der erste Schritt für die Vereinigung ganz Syriens unter einer inklusiven Führung sein.
Es mangelt nicht an kompetenten Frauen, sondern an ihren Chancen, ihre Kompetenzen einbringen zu können.
Denn die Ursachen der vorangegangenen Spannungen sah Alloush insbesondere in der mangelnden politischen Inklusion bei der Regierungsbildung sowie in der verspäteten Anerkennung kurdischer Rechte. Offen bleiben jedoch die konkrete Umsetzung und die Kontrollmechanismen, insbesondere die Frage, wie kurdische Kämpferinnen in die zentralstaatlichen Strukturen integriert werden können. Das Ziel muss laut Alloush ein Syrien sein, das allen Bürger*innen gleichberechtigte Teilhabe ermöglicht und auf Dezentralisierung basiert.
Alloush betonte, dass die Inklusion von Frauen in die politische Führung und die Armee nicht automatisch geschehen wird, dafür braucht es einen klaren Willen der politischen Führung. „Es mangelt nicht an kompetenten Frauen, sondern an ihren Chancen, ihre Kompetenzen einbringen zu können.“ Dies gilt sowohl in der politischen Führung als auch in der Verwaltung.

Ahmad Helmi betonte die zentrale Bedeutung der Aufarbeitung der massiven Gewalt und Traumata, die die syrische Gesellschaft über Jahrzehnte geprägt haben. Eine nachhaltige Versöhnung könne nur gelingen, wenn diese Erfahrungen umfassend anerkannt und aufgearbeitet werden. Voraussetzung dafür sei eine inklusive, opferzentrierte Politik, die von der Anerkennung der Verbrechen über Entschuldigungen bis hin zu möglichen strafrechtlichen Verfahren reiche. Er erkenne das Interesse der Regierung daran, aber es fehle die Transparenz und die Mechanismen für eine Übergangsjustiz.
Zugleich zeigte er sich realistisch hinsichtlich der Grenzen juristischer Aufarbeitung: Es sei unwahrscheinlich, dass alle Täter*innen zur Rechenschaft gezogen werden können. Dennoch darf dieser Umstand nicht zu Resignation führen. Vielmehr besteht der Bedarf an einer neuen gesetzlichen Grundlage für Übergangsjustiz, die als erster ernsthafter Test für die Glaubwürdigkeit der Regierung gelten kann.
Damit wird uns das Recht genommen, Gerechtigkeit auf legalem Weg zu erlangen.
Kritisch äußerte sich Helmi gegenüber Amnestien und informellen Absprachen mit ehemaligen regimenahen Wirtschaftseliten und Militärs, die ohne Einbindung der Bevölkerung getroffen würden. Solche Maßnahmen untergrüben das Vertrauen in den Prozess. Gleichzeitig warnte er vor übereilten Gerichtsverfahren ohne solide rechtliche Grundlage, die den Bedürfnissen der Opfer nicht gerecht würden und möglicherweise mit einem Freispruch enden, obwohl es sich um bekannte Täter*innen handelt.
Helmi warnte vor Selbstjustiz und Rache in der syrischen Gesellschaft „Wer Täter ohne Verfahren hinrichtet, begeht nicht nur ein Verbrechen gegen diese Person, sondern auch gegen uns Opfer. Damit wird uns das Recht genommen, Gerechtigkeit auf legalem Weg zu erlangen.“
Ohne funktionierende Mechanismen der Übergangsjustiz bestehe die Gefahr, dass Betroffene versuchen, ihre „Rechte“ eigenständig durchzusetzen – was wiederum neue Gewaltspiralen auslösen könne. Helmi betonte die immense Wichtigkeit der politischen Rechenschaft gegenüber der syrischen Bevölkerung, denn auch ein guter Mensch kann zum Diktator werden, wenn Kontroll- und Rechenschaftsmechanismen fehlen.

In der Schlussrunde betonten die Podiumsteilnehmer*innen die anhaltende Notwendigkeit, Syrien trotz globaler Krisen und rückläufiger internationaler Unterstützungsleistungen im politischen und gesellschaftlichen Diskurs präsent zu halten. Gerade in einer Zeit, in der Entwicklungs- und Hilfsgelder weltweit abnehmen, dürfe das Land nicht aus dem Fokus geraten.
Zugleich formulierten sie einen bewusst nüchternen Ausblick auf die kommenden Jahre. Mit vorsichtigem Optimismus wurde festgehalten, dass eine umfassende Demokratisierung Syriens in den nächsten vier Jahren nicht zu erwarten sei. Vor allem, weil internationale Akteur*innen das kaum in Syrien sehen wollen. Schließlich ist der Umgang mit einer starken und autoritären Führungspersönlichkeit einfacher. Realistische Ziele sollten daher im Vordergrund stehen: die Verhinderung eines erneuten Ausbruchs des Bürgerkriegs, die Begrenzung des Einflusses externer Akteur*innen mit teils gegensätzlichen Interessen – insbesondere Israels und der Türkei – sowie die Sicherstellung, dass sich im Verlauf der Übergangsphase keine neue präsidiale Diktatur verfestigt.
Friedensinitiative
Zum Abschluss wurde ein zivilgesellschaftliches Projekt der Organisation Equity and Empowerment als Beispiel für konkrete Friedensarbeit in Syrien vorgestellt. Die Initiative zielt darauf ab, gesellschaftliche Brücken zu bauen, indem sie Begegnungen zwischen unterschiedlichen Communities ermöglicht – etwa durch gemeinsame Reisen in verschiedene Städte, kulturellen Austausch, gemeinsames Musizieren sowie Workshops zu Friedensarbeit und Konfliktlösung. Solche Projekte, leisten einen wichtigen Beitrag zur Förderung von Dialog und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Gleichzeitig sind sie in hohem Maß auf internationale Unterstützung und finanzielle Ressourcen angewiesen.












