Themennachmittag: Sexuelle Bildung zwischen Race und Empowerment

Bericht vom 13.2.2026

Programm

Einführung: Nadja Schuster

Gender-Expertin, AG SRGR Koordinatorin, VIDC Global Dialogue

Mini-Workshop 1: Stephan Hloch

Psychologe, Sexualpädagoge, Leiter von First Love Mobil, Online-Berater bei der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung (ÖGF)

Mini-Workshop 2: Lilly Axster & Marijana Gurabić

Axster: Regisseurin, Autorin, langjährige Mitarbeiterin bei Selbstlaut
Gurabić: Pädagogin, Erwachsenenbildnerin, Sexualpädagogin, Mediatorin (i.A.), Mitarbeiterin bei Selbstlaut 

Moderation: Mara Elena Zöller

Referentin für politische Bildung

Arbeitsgruppe Sexuelle und Reproduktive Gesundheit und Rechte (AG SRGR)

Die ADA-geförderte, feministische AG SRGR setzt sich aus Expert*innen/Akteur*innen von Beratungseinrichtungen zu Frauengesundheit und SRGR in Österreich und der Internationalen Zusammenarbeit (Entwicklungszusammenarbeit und Humanitäre Hilfe) zusammen. Sie umfasst 60 Mitglieder und dient dem Wissensaustausch, der Vernetzung und der Anwaltschaft. Das Gender-Referat der Austrian Development Agency (ADA), das Wiener Programm für Frauengesundheit, Frauengesundheitszentrum FEM Süd, die Österreichische Gesellschaft für Familienplanung (ÖGF), THE RAIN WORKERS, CARE Österreich, das feministische Netzwerk Women in Development Europe (WIDE) und Pro choice sind beispielsweise Teil der Arbeitsgruppe. Einzelpersonen sind auch willkommen. Koordiniert wird die AG von Nadja Schuster, VIDC Global Dialogue.

Team

Konzeption

Sabine Ziegelwanger, Sexualpädagogin, Coachin für Neurosystemische Integration®
Nadja Schuster, VIDC Global Dialogue

Veranstaltungsmanagement

Irène Hochauer-Kpoda, David Gamsjäger, Nadja Schuster, VIDC Global Dialogue

Öffentlichkeitsarbeit

Manuela Tomić, VIDC Global Dialogue

Bericht 

Marlene Eichinger

Im Mittelpunkt des Themennachmittags im C3, Zentrum für internationale Entwicklung, stand die Frage, wie sexuelle Bildung im Kontext von Rassismus, Migration und gesellschaftlichen Machtverhältnissen diversitätssensibel und stereotypfrei gestaltet werden kann. Durch Austausch und Selbstreflexion hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, pädagogische Ansätze kennen zu lernen, die Empowerment ermöglichen und Vielfalt anerkennen. Der Einladung gefolgt sind 30 Fachkräfte aus der Bildungs-, Sozial- und Entwicklungsarbeit und von Diaspora Communities. Moderiert wurde die Veranstaltung von Mara Elena Zöller, die zu Beginn die Bedeutung intersektionaler und dekolonialer Perspektiven für Bildungsarbeit hervorhob.

Sexuelle Bildung als wichtiges Instrument der Gewaltprävention

In der Einleitung betonte Nadja Schuster die enorme Hebelwirkung umfassender sexueller Bildung, da sie individuelle Lebensentscheidungen, gesellschaftliche Entwicklungen und Gesundheit beeinflusse sowie Geschlechtergerechtigkeit fördere. Kritisch merkte Schuster an, dass sexuelle Bildung als wichtiges Instrument der Gewaltprävention politisch zu wenig anerkannt werde. Auch im neuen Nationalen Aktionsplan zur Bekämpfung von Gewalt an Frauen und Mädchen, den sie grundsätzlich sehr begrüße, werde sexuelle Bildung nicht so geframt. Dabei wünschen sich laut Gendergesundheitsbericht 2024 72% der Jugendlichen in Österreich mehr Wissen zu Themen wie Konsens, Vielfalt oder Verhütung. In einem VIDC Policy Brief wird daher empfohlen, Sexualpädagogik und interkulturelle sexuelle Bildung stärker in den Grundausbildungen von Bildungs- und Gesundheitsberufen zu verankern.

Mini-Workshop 1: Sexuelle Bildung im Kontext geflüchteter junger Männer*


Angeleitet von Stephan Hloch wurde diskutiert, wie Zugänge zu sensiblen Themen geschaffen werden können, ohne Teilnehmende zu überfordern. Als hilfreich wurde erachtet, über Gemeinsamkeiten zu reflektieren, mit allgemeineren Themen wie (Familien-)Gesundheit oder Beziehungen einzusteigen und beispielsweise mittels gezielter Übungen wie “Beziehungskette” eine gute Vertrauens- und Kommunikationsbasis zu schaffen. Auch Humor spiele laut Hloch eine wichtige Rolle, um Spannungen abzubauen.
Ein besonderer Fokus lag auf der Bedeutung von Sprache – sowohl im Hinblick auf respektvolle Kommunikation als auch im Umgang mit sexistischen oder abwertenden Ausdrucksweisen. Diese seien im Schulkontext zum Teil stark verbreitet und würden durch Social Media verstärkt. Ziel sei es, gemeinsam eine „Respektsprache“ zu entwickeln und Sprachfähigkeit im Umgang mit Sexualität zu fördern. Im Fall von (hetero-)sexistischer oder anders diskriminierender Abwertung von Personengruppen sei es jedoch unerlässlich, klare Grenzen zu setzen.
Schließlich wurde betont, dass Verhaltensweisen wie Rückzug oder Zurückhaltung nicht vorschnell kulturell gedeutet werden sollten. Vielmehr sollten diese im Kontext von Fluchterfahrungen, Unsicherheiten oder strukturellen Benachteiligungen verstanden werden. Sexualpädagogische Angebote müssten daher Räume schaffen, die Sicherheit geben, ohne Druck auszuüben, und gleichzeitig eine menschenrechtliche Orientierung sowie Handlungsspielräume ermöglichen. Geeignete Räume und die Raumgestaltung spielen dabei ebenso eine wichtige Rolle.
Weiters wurde thematisiert, dass sexuelle Bildung laut Grundsatzerlass bis zur 8. Schulstufe erfolgt sein sollte. Hloch hob hier hervor, dass die aktuelle deutsche Jugendsexualitätsstudie zu dem überraschenden Ergebnis komme, dass Schule die erste Informationsquelle im Bereich sexueller Bildung sei.
Trotz des „Zwangskontexts“ in der Schule sollten Teilnehmende laut Hloch nie zur Teilnahme oder aktiven Mitarbeit gezwungen werden. Stattdessen brauche es flexible Lösungen, Rückzugsmöglichkeiten sowie Sensibilität für non-verbale Signale von Überforderung. Eine enge Abstimmung mit Lehrpersonen wurde als notwendig beschrieben. Besonders brauche es diese, wenn (potentiell) Betroffene von Gewalt teilnehmen.

Mini-Workshop 2: Interkulturelle Elternarbeit

Im Workshop zur interkulturellen Elternarbeit mit Lilly Axster und Marijana Gurabić wurde deutlich, wie zentral ein niederschwelliger Zugang ist. Anstatt Eltern direkt mit dem Thema Sexualität zu konfrontieren und zu belehren, wurde ein „gemütlicher Einstieg“ als entscheidend beschrieben – etwa durch gemeinsames Essen oder informelle Gespräche. Ziel sei es, Vertrauen aufzubauen und „die Herzen zu öffnen“, insbesondere gegenüber österreichischen Institutionen, denen Menschen mit Migrationserfahrungen – häufig aufgrund ihrer Rassismuserfahrungen – nicht selbstverständlich Vertrauen entgegenbringen.
Zur Unterstützung wurden vielfältige Materialien, darunter mehrsprachige Bücher und Genitalmodelle sowie Rollenspiele eingesetzt. Diese sollten Berührungsängste abbauen und unterschiedliche Zugänge ermöglichen. Weiter seien alltagsnahe Beispiele besonders wirksam, um Gespräche zu eröffnen und Reflexionsprozesse anzustoßen.
Im Vordergrund stehe die Stärkung von Kindern im Umgang mit Grenzen. Dabei wurde betont, dass Kinder zwar das Recht haben, „Nein“ zu sagen, die Verantwortung für ihren Schutz jedoch bei den Erwachsenen liegen müsse. Gleichzeitig wurde die Rolle von Eltern als zentrale „Gatekeeper“ hervorgehoben. Um sie zu erreichen, brauche es eine respektvolle, nicht-belehrende Haltung.
In der gemeinsamen Reflexion wurde zudem hinterfragt, was „interkulturelle“ Elternarbeit bedeute. Eine zentrale Erkenntnis war, dass jede Elternarbeit interkulturell gedacht werden sollte. Angebote sollten so gestaltet werden, dass sie ergebnisoffen und einladend seien, ohne im Vorhinein Annahmen über „die anderen“ zu treffen. Als besonders wirksam wurden Zugänge über bestehende Netzwerke und Vertrauenspersonen innerhalb von Communities beschrieben. Gleichzeitig wurde kritisch angemerkt, dass institutionelle Angebote häufig zu wenig an konkrete Lebensrealitäten angepasst seien und dadurch viele Zielgruppen nicht erreichen. Diese betreffe Aspekte wie Sprache, Vertrauen und Niederschwelligkeit, aber auch Fragen der Vereinbarkeit für berufstätige Eltern mit mehreren Kindern oder Alleinerziehende.

Selbstreflexion und Respekt als Grundlage professionellen Handelns

Ein wiederkehrendes Thema war die Notwendigkeit von Selbstreflexion. Fachkräfte seien gefordert, eigene Vorannahmen kritisch zu hinterfragen – etwa im Hinblick auf Sprache oder kulturelle Zuschreibungen. So wurde betont, dass Menschen mit nicht-deutscher Erstsprache häufig unterschätzt werden und eine einfache, respektvolle Kommunikation oft ausreiche, um Verständigung und eine vertrauensvolle Gesprächsbasis zu ermöglichen.
Der Themennachmittag verdeutlichte insgesamt, dass sexuelle Bildung im interkulturellen Kontext ein komplexes, sensibles Feld ist. Erfolgreiche Ansätze erfordern fachliche Kompetenz, Reflexionsfähigkeit und eine respektvolle Haltung gegenüber unterschiedlichen Lebensrealitäten. Gleichzeitig wurde sichtbar, dass bereits zahlreiche praxiserprobte Methoden existieren – niederschwellige und vertrauensbildende Einstiege, der Einsatz mehrsprachiger Materialien, alltagsnahe Fallbeispiele und flexible Formen der Teilnahme, die weiterentwickelt und strukturell stärker verankert werden sollten.
 

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