Die Podiumsdiskussion in der HausWirtschaft hat im Rahmen des Gender-TANDEM-Programms des Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation (VIDC) stattgefunden, das vom Sozialministerium und International Partnerships Austria (ehemals ADA) gefördert wird. Moderiert wurde die Veranstaltung von Mara Elena Zöller.
Prävention als langfristige Strategie
Christian Klopf betonte in seiner Eröffnung die Bedeutung früh ansetzender Prävention. Neben ausgebauten Männerberatungsangeboten, zusätzlichen Beratungsstunden und einem rund um die Uhr erreichbaren Männer-Infotelefon verwies er auf gendersensible Burschenarbeit und das Gender-TANDEM, die Gespräche über Rollenbilder und Gewaltverständnisse ermöglichen. Prävention ergänze Gewaltschutzmaßnahmen und sei ein zentraler Bestandteil menschlicher Sicherheit. Nadja Schuster stellte das Programm vor, das seit 2016 Trainings zu Geschlechtergerechtigkeit anbietet und auf drei Erfolgsfaktoren basiert: dem Tandemprinzip, das auf der „Zusammenarbeit auf Augenhöhe“ einer Trainer*in mit Migrationsgeschichte und einer Trainer*in ohne aufbaut, der engen Kooperation mit migrantischen Vereinen zur nachhaltigen Verankerung in den Communities sowie der Einbindung von Beratungs- und Anlaufstellen, die fachliche Inputs liefern und Zugänge zu Unterstützungsangeboten erleichtern.

Wenn Zuschreibungen Gewalt verstärken
Maynat Kurbanova machte deutlich, wie rassifizierende Diskurse durch mehrheitsgesellschaftliche und mediale Fremdzuschreibungen Männlichkeitsbilder prägen. Männer mit Migrationsgeschichte würden gesellschaftlich problematisiert und internalisierten diese Zuschreibungen. Häufig würde ihnen keine Möglichkeit geboten, konstruktive Kommunikationsfähigkeiten zu erlernen, um Emotionen, Überforderung und Frust auszudrücken. Folge dessen bleibe dann nur noch Gewalt als „Ersatzsprache“. Zudem werden viele Programme, die für diese Gruppe entwickelt werden, in privilegierten Projekträumen entworfen, die räumlich und sozial oft weit von den Lebensrealitäten der Adressaten entfernt sind. Durch diese Angebote fühlen sie sich dann nicht angesprochen was zur Folge hat, dass sie sich mit ihren Herausforderungen alleine gelassen fühlen. Digitale Räume verstärkten diese Dynamiken zusätzlich. Einerseits dringe Gewalt immer weiter in Soziale Medien ein, etwa in Form von Hassrede. Andererseits würden Online-Communities einfache Antworten auf komplexe Fragen liefern und dadurch besonders attraktiv wirken. So antworte etwa die „Manosphere“ mit der Rückkehr zu gewaltvollen, tradierten Geschlechterbildern, um sich nicht mit Ambivalenzen, komplexer Beziehungsarbeit und Kommunikation auseinandersetzen zu müssen.

Sexualpädagogik als Instrument der Gewaltprävention
Stephan Hloch beschrieb praxisnah, wie vertrauensvolle Lernräume entstehen können. Entscheidend sei weniger der konkrete Workshopinhalt als die Atmosphäre. Teilnehmende müssten von Erwartungen entlastet werden, sofort sprechen oder „richtig“ reagieren zu müssen. Erst ein angstfreier Rahmen ermögliche Gespräche über Beziehungen, Sexualität und auch über Zurückweisung. Sexuelle Bildung gehe dabei weit über klassische sexuelle Aufklärung hinaus. Themen wie Gefühle, Konsens und Kommunikationsfähigkeit seien zentrale Elemente der Gewaltprävention, da sie helfen, Bedürfnisse auszudrücken und Grenzen zu respektieren. Dadurch werden alternative Handlungsmöglichkeiten zu Gewalt eröffnet. Zugleich verwies Hloch auf strukturelle Defizite: Trotz des guten Grundsatzerlasses Sexualpädagogik scheitere die Umsetzung häufig an fehlenden Zuständigkeiten, Zeitressourcen und regionaler Infrastruktur außerhalb urbaner Zentren. Auch die Qualitätssicherung sexualpädagogischer Angebote an Schulen sei grundsätzlich sinnvoll, jedoch die Umsetzung mangelhaft.

Caring Masculinity im Community-Kontext
Shokat Walizadah stellte die praktische Arbeit des Vereins mit Männern und Burschen vor. Ausgangspunkt sei das Konzept der „fürsorglichen Männlichkeit“, das Verantwortung, Beziehung und Fürsorge ins Zentrum stelle. In Männer- und Jugendcafés entstehen niedrigschwellige Begegnungsräume, die häufig die einzigen sozialen Treffpunkte für viele Teilnehmende darstellen. Dort werde gemeinsam reflektiert, wie sich Rollenbilder zwischen dem Herkunftskontext und dem Leben in Österreich verändern. Besonders wirksam seien informelle Settings – etwa Sportangebote oder offene Treffpunkte, die Vertrauen aufbauen und anschließend Zugang zu Workshops, Beratung oder Elternarbeit ermöglichen. Allein 2025 erreichte der Verein über 5.600 Personen. Trotzdem gebe es strukturelle Hürden. Kleine Community-Organisationen seien mit fehlender Grundförderung und Anerkennung, komplexen Förderstrukturen sowie unleistbaren Räumlichkeiten konfrontiert, obwohl sie über entscheidende Zugänge zu Zielgruppen verfügen, die vielen anderen, etablierteren Institutionen fehlen.

Beziehung statt Belehrung
David Gamsjäger hob die Bedeutung von Haltung im Gender-TANDEM-Training und in Schulen hervor. Interkulturelle Präventionsarbeit bedeute, Gruppen nicht zu homogenisieren und eigene Annahmen ständig zu hinterfragen. Ziel sei nicht Meinungsangleichung, sondern Begegnung.
Anhand von Workshopbeispielen zeigte er, wie Diskussionen über alltägliche Erfahrungen – etwa Zurückweisung – genutzt werden können, um über verletzte Männlichkeitsbilder, Kränkung und Gewaltmechanismen zu sprechen. Auch Gamsjäger betonte die Wechselwirkung von Anerkennung und Gewalt: junge, migrantische Männer erfahren vielfach keine Anerkennung. Um die verlorene Anerkennung wiederherzustellen, erscheint Gewalt manchmal als das einzige Mittel der Wahl. Prävention müsse daher Beziehungsarbeit sein. Es brauche sichere Räume, in denen Verletzlichkeit möglich ist, ohne beschämt zu werden.

Politische Forderungen und gesellschaftliche Verantwortung
In der zweiten Diskussionsrunde rückten strukturelle Fragen in den Fokus. Kurbanova kritisierte, Gewalt werde politisch häufig als importiertes Problem dargestellt, müsse jedoch als gesamtgesellschaftliches Phänomen verstanden werden, denn: „Gewalt hat keinen Pass.“ Prävention erfordere daher langfristige Investitionen und sie empfahl frühen Empathie-Unterricht (ab dem Kindergarten) im Bildungssystem. Mehrere Podiumsteilnehmende betonten zudem den Bedarf an niederschwelligen Offline-Räumen für junge Männer, da sich Diskussionen sonst verstärkt in digitale Räume verlagern, in denen nicht selten extreme Positionen dominieren. Vom Publikum wurde auch der Bedarf an innovativen Räumen und Formaten eingebracht. Gefordert wurde insgesamt eine stärkere Verzahnung von Politik, rassismuskritischer, gendersensibler Bildungsarbeit und Community-Organisationen sowie gesicherte Ressourcen und eine dauerhafte Verankerung von Gewaltprävention als gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung.
Am 13. Februar 2026 fand der Themennachmittag “Sexuelle Bildung zwischen Race und Empowerment - Interkulturelle Elternarbeit, Sexualitäten junger Geflüchteter*” mit Stephan Hloch (ÖGF, Sexualpädagoge), Lilly Axster (Fachstelle Selbstlaut, Autorin) und Marijana Gurabić (Fachstelle Selbstlaut, Sexualpädagogin) statt. Der Bericht dazu wird Ende März auf dieser Seite veröffentlicht.



















